Juni 06: Andere Länder, andere Sitten, andere Namen. In Spanien, also auch bei uns auf Teneriffa lautet der Name dieses Festtages CORPUS CHRISTI. Kalendermäßig notiert dieser Tag gleich dem anderer Länder, jedoch hier auf der Insel und speziell in La Orotava, auf welches wir uns beziehen wollen, datiert der Festtag immer eine Woche später, in diesem Jahr auf den 22. Juni. Anders als in den verweltlichten Ländern Mitteleuropas gestaltet sich dieser Tag hier mit erheblichem Aufwand an Prunk und Pomp. Explizit in La Orotava. Aus der historischen Barockkirche „Iglesia de Nuestra Señora de la Concepción„ wird das Allerheiligste Sakrament – also der Leib Christi – in feierlicher Prozession durch die Straßen der Stadt getragen. Diesem Festzug, angeführt von den kirchlichen Würdenträgern folgen die Ehrendamen, die Honoratioren der Stadt, weltliche Repräsentanten und der lange Zug der Gläubigen, wobei sich auch Touristen einreihen. Besinnung, Andacht und Einkehr prägt diese Prozession.
Nun hat diese Festlichkeit in La Orotava schon eine lange Tradition. Im 18. Jhd. aber verfielen die Festlichkeiten oft zu vulgären Spektakeln nach der Prozession. Es mußte etwas geschehen, um die Heiligkeit des Festes zu wahren. Da hatte 1847 die adelige Doña Leonor de Castillo de Monteverde eine großartige Idee, um die Szene zu beruhigen.
Um die Prozession zu retten, ihr die Würde zu erhalten und sie ebenso zu grüßen, legte sie vor ihrem Stammhaus in der Calle Colegio einen einfachen Blumenteppich aus. Es war der erste seiner Art, und er sollte zu einer Masseninitiative wachsen. Gestaltet wurde dieser einfache Teppich von Maria Teresa Monteverde Bethancourt, unterstützt von ihrer Nichte Pilar Monteverde y del Castillo. Nun – so ganz neu war diese Idee nicht. Ursprünglicher Kern derartiger Blumenornamentik findet sich längst schon in den Ländern um das Mittelmeer. Italien, Frankreich, auch Portugal und Festlandspanien bedienten sich schon dieses uralten Brauches zu diversen Festivitäten. Seine Ursprünge reichen bis nach Indien, Sri Lanka, Nepal und Tibet. Dann aber faßte dieser Ritus auf unserer Insel Fuß. Der Teppichentwurf der Damen basierte auf barocken Pflanzenmotiven. Sie hatten die Anregung dafür aus dem Königreich Neapel. Heute werden die Entwürfe mit speziellen selbstgebauten Holzrahmen und großen Papierbögen auf das Straßenpflaster übertragen und mit vielfarbigen Blütenblättern aufgefüllt. Darüber schreitet dann die Fronleichnamsprozession, und in weniger als einem Tag ist es wieder vorbei mit der vergänglichen Pracht.
Diese Tradition begann also vor 160 Jahren. Von rein floralen Mustern kam man bald auf figurale Darstellungen. Großen Einfluß hatte dabei auch die „Mudéjar„-Stilkultur. Und schon ab 1851 wurden auch feste, zerkleinerte trockene Materialien in die Teppiche mit einbezogen wie schwarz geröstetes Erikakraut, auf dessen Hintergrund die Blüten noch schöner leuchten. Neue Musterentwürfe entstanden. „Alfombra„ heißt er noch heute, also Teppich. Solche Teppiche, die einen regelrecht erzählenden Inhalt von biblischen Episoden haben, zieren bis heute Jahr für Jahr sensationell das Fest zu Corpus Christi – nicht nur in La Orotava, es gibt auch Parallelen u.a. in La Laguna, Tacoronte sowie auf den Nachbar-Inseln. Die kreativsten Künstler haben sich inzwischen zur Vereinigung der „Tapistas„ zusammengefunden und arbeiten an der Weiterentwicklung der alten Tradition. Mit Beginn des 20.Jahrhunderts wird aber eine neue Idee kreiert.
Das Geschlecht der Machados war seit 1090 in Portugal beheimatet. 1494 siedelten sie nach Teneriffa um. Im 19. Jhd. hatte sich ihr seinerzeit jüngster Sproß, Felipe (1836-1930), ein erfolgreicher, international bekannter Kunstfreund, schon maßgeblich in der Kulturvereinigung „Liceo de Taoro„ betätigt. Auch zoologisch und botanisch war er sehr bewandert. Einzug in die Hautevolée von La Orotava hielt er durch seine Heirat mit Doña Elena Benitez de Lugo, einer Tochter der Marquesa de la Florida. Damit war er nun in der „ersten Liga„ der örtlichen Granden angekommen. Das aber sollte der Stadt zum Ruhme gereichen, denn Don Machado hatte Ideen! Felipe Machado war Kunstmäzen, sein Haus in der Agua-Straße war ein Domizil für reisende Künstler. Vielschichtig engagierte er sich bei künstlerischen Projekten. Seine primäre Berufung sah er allerdings im Entwerfen von Blumenteppichen. Zeugnisse seiner Tätigkeit sind heute noch in der städtischen Bibliothek einzusehen. Man kann ihn gut und gerne als „Revolutionär in der Geschichte der Kunst der Straßenteppiche von La Orotava„ bezeichnen. Er tendierte jedoch zur großflächigen Bildgestaltung. Auf der Suche nach einer adäquaten Gestaltungsfläche stieß er auf den Rathausplatz, dessen Südseite der neoklassizistische „Palacio Municipal„, also das Rathaus krönt.Sein erstes Großgemälde dort von 1905 war im Inhalt der spanischen Marine gewidmet und verwendete maritime Motive. 1906 folgte der 2. Tapiz als Hochzeitsgeschenk für das Königspaar Alfonso XIII. und Victoria Eugenia auf dem Madrider Verkaufsplatz. Das Sensationelle, das avantgardistische Novum im Design von Felipes Entwürfen war jedoch der Wechsel des Gestaltungsmaterials. Er wendete sich vom floralen Material ab und brachte Vulkansand mit seinem großen Farbspektrum zum Einsatz. Nun zierten Bildkompositionen mit großer plastischer Farbtiefe den Rathausplatz.
Ab 1912 wurde die Gestaltung dort zur Regelmäßigkeit. Sie mutierte zu sakralem Bildinhalt. Zur Realisierung für die Großfläche fühlte sich eine neue Generation von Künstlern animiert. Felipe Machado gilt als Initiator dieser neuen Technik. Aus der Tradition der „Tapistas„ erwuchs eine neue Gemeinschaft, die der „Alfombristas„. In diese Zunft reihten sich auch die Entwerfer und ausführenden „Sandteppichkünstler„ ein. Seitdem sind die Alfombristas geachtete und geschätzte Bürger der so erlebnisreichen historischen Kulturstadt im lieblichen Orotava-Tal. Corpus Christi ist in La Orotava nicht allein ein katholischer Feiertag, ein religiöses Erlebnis, sondern auch ein künstlerischer Höhepunkt urspanischer Folklore, also ein touristisches Ziel ersten Ranges. Und in diesem Jahr?
Die Blumenteppiche in den Calles werden wie in jedem Jahr strahlen und prunken. Zum Lavasandbild vor dem Rathaus haben die Alfombristas für das 912 qm große Bild 4 Tonnen Lavasand und noch zu mahlendes Gestein in 17 Farbtönen aus den Cañadas geholt, mit einer jährlichen Sondergenehmigung nur für dieses Fest. Und ein neuer Inhalt ist gewählt worden: Gestalter Domingo González Expósito zeigt den Kampf zwischen Gut und Böse, die sieben Todsünden in modernen Darstellungen. Drei besonders große stellen die Heilige Jungfrau Maria, den Gottessohn und Gottvater dar. Erstmals werden an diesem rein katholischen Werk auch Künstler anderer Religionen aus fernen Ländern mitarbeiten. Dazu bringen sie Sand aus ihrer Heimat mit. Tibetanische Mönche haben Erden aus der Himalaya-Region mitgebracht. Sie haben ja Erfahrung mit Sandmandalas, wenn auch nicht in dieser Größe. Navayo-Indianer steuern Gekörn aus den Arizona-Flußtälern bei. Eine interessante Aufwertung des Großbildes von La Orotava und eine Internationalisierung – welch eine neue Situation für die Alfombristas! Bürgermeister Isaac Valencia lobte diesen progressiven Entwurf mit einem kleinen Vorbehalt: „Die Leute werden bestimmt darüber reden, doch sie werden letztlich den künstlerischen Fortschritt begreifen„. Ein neuer Weg in der Gestaltung des wohl weltberühmten Sandteppichs von La Orotava. 15-20 Künstler arbeiten 40 Tage lang an der Realisierung, etwa 2.000 Arbeitsstunden stecken allein in dem großen Sandbild.
Daß dieses Projekt Eingang in die moderne Kunstgeschichte gefunden hat, beweist der erstmalig stattfindende „Congreso de Alfombristas„, in diesem Jahr unter Beteiligung von Experten aus Japan, Deutschland, Italien, Mexiko und Belgien. Für Sie als Besucher ist dieser erlebnisreiche Tag in La Orotava der 22. Juni 2006, aber auch die vielen Fiestas (Romerías) in und um die Stadt. Ob Sie nun das kanarische Fronleichnamsfest als Christ oder als Tourist wahrnehmen, es vermittelt Ihnen unvergeßliche Eindrücke aus der Lebenswelt der Tinerfeños.



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