Das Megawelle Journal - Inselmagazin für Teneriffa, La Gomera, La Palma, Gran Canaria und El Hierro

SONNENWENDE AUF Teneriffa - FEUERZAUBER IN DER NOCHE SAN JUAN

Juni 06: „In welchem Monat befinden wir uns eigentlich, Mai… Juni… oder doch November?„ Einen eintönigeren Job als Wetter-Ansager beim kanarischen Fernsehen kann es eigentlich gar nicht geben auf Teneriffa, schließlich herrscht hier das ganze Jahr über mehr oder weniger Sommer. Das Schöne und Besondere an den klassischen Sommer-Monaten auf Teneriffa ist jedoch die Fülle an traditionellen Feierlichkeiten. Die mit den kanarischen Brauchtümern fest verwurzelten Einwohner feiern an diesen Tagen so ausgelassen, wie die zahlreichen Touristen, deren Motivation in erster Linie in der puren Urlaubs-Lust begründet liegt. Die Sommernächte hierzulande werden jedenfalls nicht selten bis in die frühen Morgenstunden ausgekostet, und da bietet sich die Nacht vom 23. auf den 24. Juni in diesem Jahr besonders an: „La Noche de San Juan„! Die Meisten unter uns können mit dem Begriff „Sommersonnenwende„ sicherlich mehr anfangen, am lebendigsten ist die Tradition der „Mittsommernacht„ allerdings in Skandinavien. „Die weißen Nächte„, an denen es die ganze Nacht durch taghell bleibt, machen Mittsommer in Schweden, Finnland und Norwegen zum zweitgrößten Jahresfest nach Weihnachten. Kaum verwunderlich, nach den harten und langen Winter-Monaten.
Am längsten Tag des Jahres wird vor allem der licht- und wärmespendenden Sonne gehuldigt, mit der Bitte, daß sie ihre Kraft und Stärke nicht verlieren möge. Der christliche Ursprung der Feierlichkeiten liegt in der Geburt von San Juan Bautista (Johannes der Täufer). Dessen Vater Zacharias überbrachte der Familie die gute Nachricht von seiner Geburt, indem er Feuer entzündete und darüber sprang, wobei mit der Geschichte ein uralter Brauch einfach für das Christentum umgeschrieben wurde, wie so viele andere Bräuche auch.
Bis heute prägen zwei Naturgewalten die kürzeste Nacht des Jahres auf Teneriffa. Es sind Feuer und Wasser, deren reinigende Kräfte die Menschen hier seit jeher nutzen, um sich für das bevorstehende Jahr Glück zu sichern und Unheil zu verbannen. Überall auf Teneriffa und den anderen Kanareninseln lodern große Feuer, Blumen schmücken die Strände, bunte Kerzen sowie kleine Lagerfeuer brennen überall und lokale Musikbands untermalen die Stimmung allerorts -  natürlich werden auch in diesem Jahr wieder atemberaubende Feuerwerke gezündet, um der Nacht ihren besonderen Stellenwert zu verleihen. Es heißt, daß in dieser magischen Nacht das Baden im Meer und das Springen über Feuer, den Körper und die Seele reinigen. Der alte Ballast fällt ab und ein neuer Abschnitt kann beginnen. In verschiedenen kleinen Ritualen wird das Glück beschworen. Alles „Böse„ wird auf einen Zettel geschrieben und anschließend in dieser Nacht symbolisch im Feuer verbrannt. Alles „Gute„ findet auf einem anderen Papier Platz und wird ein Jahr lang in der Brieftasche bei sich getragen. Außerdem gilt es, in der „Noche de San Juan„ im Meer zu baden oder zumindest barfuss durch die Gischt zu laufen – dieses Ritual sichere Gesundheit für das gesamte kommende Jahr. Mit Eschen- und Pinienzweigen dekorierte Fenster und Türen sollen das Haus vor Blitzen schützen. Brennende Grasbüschel werden über die Felder getragen, um Schädlinge von der erhofften reichen Ernte fern zu halten. Ein Sprung übers Feuer soll im kommenden Jahr vor Schmerzen bewahren und Jungfrauen, die nicht übers Feuer springen, finden angeblich keinen Mann. Also: jetzt schon für den Sprung trainieren, junge Damen!
Speziell auf Teneriffa und Gran Canaria wurden bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts in der Nacht von San Juan die Ziegen aus den Bergen an den Strand gebracht und im Meer gebadet. Damit sollte die Fruchtbarkeit der Tiere erhöht werden und erst ab dieser Nacht ließ man die Böcke zu den Ziegen. So war außerdem garantiert, daß der Nachwuchs fünf Monate später genau in die Zeit geboren wird, in der es am meisten Futter gibt. Das Bad der Ziegen im Meer hatte damals aber auch eine wichtige soziale Bedeutung. So brachte es die Hirten aus den Bergen und die Fischer einander näher und das eine oder andere kleine Geschäft wurde ganz nebenbei unter Dach und Fach gebracht. 1984 wurde dieser Brauch in Puerto de la Cruz neu belebt und seither baden am Morgen nach der „Noche de San Juan„ wieder Ziegen im Fischerhafen von Puerto, wenn auch widerwillig, denn das Wasser ist eindeutig nicht ihr Element. Viele Jahre lang wurde das Ziegenbad von dem Poeten und Folkloristen Chucho Dorta organisiert, der sich immer besonders um den Erhalt alter Inseltraditionen und Feste folklorischen Ursprungs bemühte. Mit seinem Tod im September 2002 verlor das Orotavatal ein allseits geschätztes und geliebtes Original, einen der letzten „Guanchen„. Die Organisation des Ziegenbads hat nunmehr die Stadt übernommen, die diese Tradition auch im Andenken an Chucho Dorta aufrechterhält.Noch ein anderer Brauch wurde vor fünf Jahren wieder aufgenommen: das Schmücken der sieben Wasserquellen in Puerto de la Cruz, mit Blumen und Früchten. Aber auch am Strand „Las Teresitas„ bei Santa Cruz, in Icod de los Vinos, in San Marcos - überall wird die Sonnenwende ausgiebig gefeiert. In Las Canales werden beispielsweise in Erinnerung an den Lavafluß des letzten Vulkanausbruchs Feuerkugeln den Berghang hinunter gerollt.
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