Juli 06: Als die Eroberung der Insel im 15. Jhd. vollzogen war, war auch das Ende der Guanchen-Höhlen angebrochen. Die „Conquistadores„ brachten ihre Lebens- und Wohngepflogenheiten mit auf die Insel. Bald prägte sich eine Dreiteilung in dem „kolonialen„ Bauwesen heraus, die sich in Kultbauten (Kirchen, Kapellen, Klöster), bürgerliche Bauten und Befestigungsanlagen aufteilte. Die Kirchen waren schlicht, nüchtern, hatten einen dreischiffigen Grundriß, und das Holzdach wurde von Bögen und Säulen getragen. Klöster dagegen waren geschlossene Komplexe mit einem vier- oder achteckigem Hof. Im Bauwerk selbst waren Arbeits- aber auch Geschäftsräume angeordnet. Bürgerliche Gebäude machten den Unterschied zwischen arm und reich deutlich. Hier wird die Klassensituation zwischen der herrschenden Schicht und dem einfachen Volk sichtbar. Festungsbauten, Bollwerke und Kastelle wurden gleich nach Inbesitznahme errichtet und waren zunächst am wichtigsten. Die Ureinwohner brauchte man bald nicht mehr zu fürchten, aber es gab noch eine Bedrohung durch andere Kolonialmächte sowie durch Piraten und Freibeuter, gegen die sich die spanische Krone zu wehren hatte. Solche Festungsbauten sind sehr einfach in der Anlage. Man findet auf Teneriffa nur wenige. Rudimente, Beispiele jedoch am Zollhaus , dem Castillo San Felipe und der Hafenanlage in Puerto de la Cruz, ebenso das „Castillo Negro„ neben dem Auditorio und das Castillo de Paso Alto mit der berühmten Kanone „El Tigre„ (Nelson) in Santa Cruz.
Durch die Landaufteilung entstand schnell eine neue Insel-Aristokratie. Auf ihrem neuen Landbesitzen strebten sie nach Möglichkeiten, ihren gesellschaftlichen Status nach außen deutlich zu machen. Hier liegt der Ursprung des Herrenhauses, der „Casa señorial„. Diese Bauten haben eine recht einfache Fassade. Großer Wert wurde lediglich auf das Portal mit dem Familienwappen gelegt und auf die Außenbalkone. Doch dann die Innengestaltung! Abgesehen von den palastartigen Räumen mit dem typischen Mobiliar, oft skurrilen Kaminen und den Sitzbänken an den Fenstern für die Señoras, galt alle Sorgfalt der Gestaltung des Hofraumes, dem Patio. Von ihm aus gelangt man in das obere Stockwerk mit den kunstvoll geschnitzten balcones. In solchen Prachthäusern waren natürlich Weinkeller, Kornkammern, Stallungen und – eine Hauskapelle selbstverständlich. Gute Beispiele sind das „Abaco„, in Puerto de la Cruz oder die vielen Patrizierhäuser in La Laguna, aber auch in La Orotava, wie die Casas de Los Balcones.
Als die europäische Baukunst auf der Insel Einzug hielt, hatte das Festland gerade seine gotische Epoche. Das kann man hier noch in den größeren Städten auf der Insel betrachten. Absolut stilreine Gotik ist jedoch spärlich, denn die Spanier brachten schon ihre nationalen Elemente mit in den Stil ein, besonders maurische Traditionen aus Andalusien. Interessant ist die Entwicklung des spanischen Mudéjar-Stils. Als im 15. Jhd. die christlichen Könige die bisherigen maurischen Landesteile vereinnahmten, integrierten sie viele der begabten maurischen Architekten, die zum Christentum konvertierten, „Mudéjaves„ genannt. Ihre Baukünstler entwickelten einen Stil, der im wesentlichen eine Verbindung zwischen gotischen und maurischen Elementen darstellt. Typisch für diesen Mischstil sind Hufeisenbögen, reicher Stuck, Majolika-Ornamente und Keramik mit geometrischen Mustern, wie wir sie auch auf den kanarischen Inseln antreffen.
Im Laufe des Einzugs der Renaissance kreierten wiederum spanisch-maurische Architekten eine prägende Neuform, die als „Plateresk-Stil„ bezeichnet wird. Hauptmerkmal waren feingliedrige Gitterwerke, die von der Kunst der Goldschmiede beeinflußt war. Fast ein Jahrzehnt lang dominierten diese beiden Stilarten in Südspanien und demzufolge auch auf den Kanaren, besonders auf Teneriffa und La Palma. Zu diesen Mischstilen kamen als insulare Besonderheit im Baumaterial die unverwüstliche kanarische Kiefer, Zeder und der Lorbeerbaum für ein fein gegliedertes Holztafelwerk, besonders in den Kirchen oder größeren Hallen bei Decken mit reich verzierten Dachbalken.
In Europa bricht sich Barock und Rokoko Bahn. Die geraden Linien der Renaissance werden jetzt durch Kurven, Voluten und asymetrische, üppige Verzierungen verdrängt – viel Zierrat, viel Phantasie. Auf Teneriffa ist dieser Stil ausgeprägt anzutreffen. Sehr gut zu besichtigen war er im leider erst kürzlich durch Brand zerstörten Bischofspalais von 1681 in La Laguna, aber auch in der Pfarrkirche Santa Catalina in Tacoronte, beispielhaft in La Concepción zu La Orotava oder in Puerto de la Cruz in der Kirche San Francisco. Oder auch in der Pfarrkirche San Marcos in Icod, direkt beim Drachenbaum. Das Fronleichnamsfest in La Orotava und seine zauberhaften Blumenteppiche auf den Straßen sind ebenfalls dem Barock zuzuordnen.
Mitte des 18.Jhd. brach das Zeitalter des Klassizismus an. Strenger, einfacher und klarer als in der Renaissance. Auch auf der Insel gewann dieser neue Stil Raum. Ein typisches Beispiel ist das Rathaus (Ayuntamiento) von La Laguna. Nur ein halbes Jahrhundert darauf beginnt das Zeitalter der Romantik, dicht gefolgt vom Realismus und dem Impressionismus. Auf Teneriffa schlägt sich diese Entwicklung vor allem im gutbürgerlichen Wohnungsbau nieder und es entwickelt sich ein regelrechter „Heimatstil„. Dieser Trend hat seinen Ursprung wieder einmal in Andalusien. Unbestritten haben alle Stilepochen aus Europa ihren Niederschlag auf den Kanaren, gerade auf Teneriffa gefunden. Der spezifische Wohnungsbau, etwas deklassierend als „Profanbau„ in der Fachwelt bezeichnet, geht andere Wege. Wohnhäuser, ob einzeln oder in Reihen gebaut, folgen anderen Prämissen. Sie entsprechen ganz den ästhetischen und praktischen Ansprüchen, die aus den klimatischen Bedingungen erwachsen. Wieder einmal kommen die Vorbilder vom Festland. Typisch dafür die flachen „Azoteas„ (Dachterassen) und die überhängenden Dächer, welche früher zum Auffangen des so lebensnotwendigen Regenwassers fungierten. Man nutzt diese Flachdächer auch heute noch als Freizeitfläche, Minigarten und zum Wäschetrocknen.
Die weißen Hauswände sind für Dorfhäuser charakteristisch. Kalkfarbe an den Fassaden war oder ist nicht nur ein ästhetisches Attribut, sondern ein Schutz gegen die hierzulande aktive ultraviolette Sonneneinstrahlung. Der moderne Trend von heute zur schrillen Farbe negiert diese alte Erkenntnis leider größtenteils und ufert zu groteskem Farbenrausch aus. Kleine Fenster sind typisch, schon allein wegen der Passatwinde, die feucht sind. Abends trifft man sich vor dem Haus mit den Nachbarn zum Schwätzchen und Austausch der Neuigkeiten.
Die Architektur-Epoche unserer jüngsten Vergangenheit und Gegenwart wird als „Antinaturalismus„ bezeichnet. Er gliedert sich nach Definition der Kunsthistoriker jedoch in mehrere Unterbereiche: Der Modernismus zeigt sich Anfang des 20.Jhd. an den Häusern, in welchen das neureiche Bürgertum wohnte. In den Straßen von Santa Cruz entstanden Häuser nach launigen Entwürfen mit dynamischen Linien und Verzierungen. Man liebte es, sich von der traditionellen Aristokratie und ihren alten Herrensitzen zu distanzieren. Vom 1. Weltkrieg bis in die 30er Jahre wirkte sich auch auf Teneriffa die wirtschaftliche Stagnation der Weltwirtschaftskrise aus und beeinflußte die Architektur. „Eklektizismus„ ist der Begriff für diese Epoche, der sich aus allen Stilen etwas (Un-)Passendes zusammenmixt.
Aber schon in den 20er Jahren kam aus Spanien Aufwind: Eine restaurativer Trend, der „Rückkehr zu den Wurzeln„ proklamierte. Das kanarische Herrenhaus kam wieder in Mode. Daneben gaben die Neuzeit ab Mitte des 20.Jhd. und der beginnende Boom des Tourismus auf die Inseln auch der Architektur Raum für den Einzug neuer Bauformen wie dem „Rationalismus„. Erster und prägnantester Vertreter war der Architekt Miguel Martin Fernandez de la Torre. Was brachte er der Insel-Architektur? Sind sie ästhetisch, die Monsterwaben, die Kommerzquartiere in Las Americas und Umgebung? Muß Santa Cruz durch vieletagige Wohntürme zur modernen Hafen- und Inselhauptstadt mutieren? Sind etwa das „Bel Air„ oder das „Maritim„ schmückende Elemente für das alte, historische Puerto de la Cruz? „Business as usual„, nun gut, der Zug der Zeit. Allein sollte man über allem Geschäft nicht doch der Insel etwas von ihrer Lieblichkeit, von ihrer Ursprünglichkeit, von ihrer Folklore bewahren? Viel Grund zum Nachdenken für die Verantwortlichen. Der Stararchitekt Calatrava hat ein gutes Zeichen in Santa Cruz gesetzt: Das Auditorio de Tenerife.
Wollen Sie Kultur- oder Profanbauten studieren? Oder beides? Dann öffnen Sie Ihre Augen für die Dörfer und die historischen Bauten in den Städten, wo Teneriffa noch ursprünglich ist. Wenn man auch nicht von einer typisch tinerfenischen Architektur sprechen kann, so gibt es doch viel zu entdecken. Der große Philosoph Arthur Schopenhauer sagte ermunternd: „Architektur ist gefrorene Musik„. Niemand muß auf unserer Insel frieren. Doch Baukunst läßt sich überall erkunden, auch in den abgelegensten Winkeln.



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