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FINALE GRANDE - Venedig sehen, bevor es zu spät ist

Juli 2006: 
Keine andere Stadt besitzt solch eine touristische Anziehungskraft wie Venedig. 12-15 Millionen Menschen besuchen jährlich die Lagunenstadt, die selbst nur 70.000 Einwohner zählt. Die wunderbare Inselstadt, wie Goethe sie nannte, liegt knapp vier Kilometer vom Festland entfernt, und dehnt sich auf einer Fläche von ca. sieben Quadratkilometern aus. Die kleine Stadt ließe sich in ungefähr drei Stunden umrunden, wenn man nicht in jeder Gasse halt machen müßte, um diese einzigartige Architektur zu bewundern. Jeder, der Venedig kennt, wird bestätigen, daß dieser amphibischen Lagunenstadt etwas Erhabenes und Betörendes anhaftet. Die Stadt, die im 9. Jahrhundert errichtet wurde, und sich in den letzten zweihundert Jahren kaum verändert hat, läßt einfach jeden ins Schwärmen geraten. 

Egal ob Sie nur ein Wochenende oder eine ganze Woche in Venedig bleiben, der Ausgangspunkt Ihrer Erkundungen sollte der berühmte Piazza de San Marco (Markusplatz) im historischen Zentrum sein. Hier befinden sich die beiden prunkvollsten Bauten Venedigs: Die Basilika de San Marco und der Palazzo Ducale (Dogenpalast). Der Markusplatz war übrigens schon vor 200 Jahren für Napoleon „der schönste Salon Europas„. Den besten Überblick über die Stadt verschafft man sich vom Campanile, dem fast 100 Meter hohen Glockenturm. Oder erkunden Sie die Lagunenstadt lieber gleich auf dem Seeweg – mit einer Vaporetto-Fahrt (Wasserbus) auf dem Wasserboulevard, dem berühmten Canale Grande, dem Hauptverkehrsweg, der zu beiden Seiten von den ältesten und herrschaftlichsten Palästen der Stadt gesäumt wird. 177 Kanäle, 355 öffentliche Brücken, 127 wunderschöne Plätze und ca. 3.000 Fußwege erschließen das gesamte Stadtgebiet.

Auf einem gemütlichen Spaziergang können Sie Tag für Tag die sechs Stadtviertel Venedigs erkunden. Wenn die Zeit drängt, sollten sie sich die berühmtesten Sehenswürdigkeiten heraussuchen: etwa die „Galleria dell´Accademia„, eine großartige Gemäldegalerie, oder das Guggenheim-Museum, das eine erlesene Kunstsammlung der klassischen Moderne zeigt. Ein absolutes Muß ist natürlich das bunte Markttreiben an Venedigs ältester Brücke „Ponte di Rialto„, und das jüdische Ghetto im Stadtteil Cannaregio. Anfang des 17. Jahrhunderts wurden dort auf Beschluß des Senats alle jüdischen Einwohner in ein abgeriegeltes Wohngebiet, das „Ghetto Nuovo„, umgesiedelt. Im Norden des ruhigen Stadtgebietes hat sich übrigens die berühmte Krimiautorin Donna Leon niedergelassen, deren Werke in Italien noch immer verboten sind, weil sie kein gutes Bild über Italiens Verwaltungszustände zeichnen.

Was wäre eine Reise nach Venedig ohne eine Gondelfahrt? Von den einst 10.000 Gondeln, die Venedig einmal stolz vorzeigen konnte, sind nur noch 400 übrig geblieben. Die über zehn Meter langen Boote haben allesamt einen schwarzen Anstrich, eine Verordnung aus dem Jahr 1562, die den Neid unter den einzelnen Gondolieri unterdrücken soll. Das führte jedoch dazu, daß die Innenausstattung der einzelnen Gondeln umso luxuriöser ausfiel. Maximal sechs Personen können sich in einer Gondel durch die Kanäle schippern lassen – eine Besetzung, die garantiert jeden Gondoliere mißmutig stimmt. Eine 50minütige Fahrt durch Venedigs Wassergassen kostet tagsüber zwischen 80 und 100 €. Bei Mondschein ist eine Gondelfahrt ein wenig teurer aber wesentlich romantischer. Das Ständchen mit Musikbegleitung kostet selbstverständlich extra.

Wo man in Venedig absteigt und zum Essen verweilt, hängt ganz von ihrem Budget ab. Während man die Unterkunft genau kalkulieren kann (die legendären Luxusherbergen direkt an der Uferpromenade des teuren Stadtteils Castello kosten pro Person ca. 30 €, preiswerter sind die kleinen Hotels in den engen Gassen), muß man in Venedigs Restaurants oder Cafés mit bösen Überraschungen rechnen. So kommt es nicht selten vor, daß man für ein Bier um die 8 € zahlen muß.
Wenn Sie diese Preislage nicht abschreckt, sollten Sie unbedingt dem stilvollen „Café Florian„ einen Besuch abstatten. Es ist das berühmteste und älteste Kaffeehaus Italiens, das im 18. Jahrhundert einige bekannte Literaten, Musiker und Künstler bewirtet hat. Auf roten Samtpolstern zwischen schweren Gemälden und goldgerahmten Wandspiegeln können sie sich bei Geigenspiel an erlesenen Köstlichkeiten laben. Trotz der kostspieligen Preise ist Venedig eine Reise wert, denn wer weiß, wie lange uns dieser prachtvolle Anblick noch erhalten bleibt? Denn auch die prunkvollen Bauten am Canale Grande können nicht darüber hinwegtäuschen, daß die veränderten Gezeiten in der Lagune Venedigs Untergrund müde machten, und daß der nach Instandsetzungsarbeiten verlangt. Das Paradoxe daran ist, daß es nicht an Geld mangelt, sondern an Mut, denn man möchte den unzähligen Touristen keine Großbaustelle vorsetzen. Und so kommt es dann schon einmal vor, daß ein Prachtbau fast kopfüber in den Canale Grande stürzt, bis man einer Restaurierung zustimmt.
Die beste Reisezeit für Venedig sind die Frühlingsmonate. In dieser Zeit halten sich die Touristenströme noch in erträglichen Grenzen. Wer die Möglichkeit hat, sollte die Osterfeiertage sowie die Monate Juli und August meiden, denn die Mischung aus Menschenmassen, Warteschlangen, Hitze und Lärm könnte die romantische Ausstrahlung der Stadt trüben. Und wenn es ihnen doch einmal zu eng wird, sollten Sie einen Ausflug auf die benachbarten Laguneninseln planen. Da warten die Glasbläserinsel Murano, die bunte Fischerinsel Burano und der berühmte Lido di Venezia mit seinem Badestrand, oder so manche unbekannte Insel, die die Bezeichnung „Geheimtip„ wirklich verdient.
Wenn Sie sich nun auf diese Vielzahl von Möglichkeiten, die Venedig bietet, einlassen möchten, wünsche ich ihnen schon jetzt einen angenehmen Aufenthalt und proste Ihnen zu: mit einem „Spritz„, dem typischen venezianischen Aperitif aus Campari, Weißwein und Soda.

 
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