Das Megawelle Journal - Inselmagazin für Teneriffa, La Gomera, La Palma, Gran Canaria und El Hierro

Das Haus von Carta im Valle de Guerra - Historie – Tradition – Neuzeit

Okotber 06: 
Bei der Erkundung der Insellandschaft nördlich von La Laguna sollte man schon einmal von der TF 5, also der Autopista, ausscheren, etwa in Höhe von Tacoronte. Im Ortszentrum teilt sich die Straße, wir biegen links ab, in Richtung Valle de Guerra. Ein Tal öffnet sich uns. Am Nordosthorizont sehen wir es von den Spitzen und Zacken des Anaga-Gebirges flankiert. Ein liebliches Terrain, das sich zum Ozean hin öffnet. Sanft hügelig, in welliger Abwechselung. Die Strecke führt vorbei an typisch spanisch-kanarischer Dorfstraßenurbanisation. Altes steht neben Neuem. Der Name der Ortschaft und des Tales: Valle de Guerra (Tal des Krieges). Eigentlich etwas makaber für diese schöne Gegend.
Ein so kriegerischer Ortsname schafft Assoziationen an unsere Jugendliteratur und erinnert an den Karl-May-Roman „Im Tal des Todes“. Doch der Name ist ein Geschichtsdokument und gehört in die Zeit der Inselbesiedelung durch die Conquistadores. Hier lieferten sich Spanier und Guanchen manches Scharmützel und große Kämpfe. Alles Historie, die Tinerfeños haben noch eine Version parat: denn das weite Land gehörte nach der Conquista der Familie „De la Guerra“.

Was wollen wir in diesem so geschichtsträchtigen Ort? Unser Ziel ist ein Besuch im MUSEO DE ANTROPOLOGÍA DE TENERIFE. Man muß etwas aufpassen, wenn man von der Carretera Tacoronte aus am Taleingang das Museum finden will. Ein verstecktes Hinweisschild führt uns letztendlich in die Calle El Viso 44. Das enge Portal präsentiert sich im Mudéjar-Stil mit christlichem Kreuz. Neben dem Eingang steht eine alte, endemische kanarische Dattelpalme, also die beste Orientierung.
Entreé in das Museum, das alte Haus von CartaWarum so ein wichtiges Museum derart versteckt und abseits eingerichtet ist? Der Standort hier im Valle ist keineswegs unüberlegt. Vor Ort will man das zeigen, was spezifisch und landestypisch in diese Umwelt und Entwicklungsgeschichte gehört. Hier wird in guten Expositionen die Lebenswelt der Inselbewohner von damals dem Besucher von heute übermittelt. Das war das Konzept, das Haus von Carta als Museum auszugestalten. Denn Vergangenheit und Geschichte muß für die Nachwelt sichtbar und nachvollziehbar sein. Hinter dem Portal gelangt man an den Rand eines Patios, denn wir haben es hier mit einem Herrenstammsitz aus dem 18.Jh. zu tun. Er ist zwar an die ländliche Umgebung angepaßt, hat jedoch in seinen Ausmaßen absolut adeligen Charakter. Ursprünglich gehörte das Anwesen der Familie De la Guerra, doch 1726 erwarb es Hauptmann Matias Rodriguez Carta. Seit 1967 gehört das Objekt jedoch der Inselregierung, und nach sehr aufwendiger Restaurierung wurde es dann 1987 als Museum eröffnet.

Mittlerweile sind wir vor dem ersten Museumsraum angelangt, wagen schon einen ersten Blick, und sind sofort von der echten, altspanischen Holzdeckengestaltung begeistert, die uns durch alle Räume begleiten wird. Nun gibt es ja immer mehrere Möglichkeiten, eine Ausstellung oder ein Museum zu inspizieren, zu erkunden. Entweder man folgt einem Rundgangsplan, kann aber auch einen Führer chartern,  oder man geht sporadisch zu den Zentren seiner Interessen. Für diesen Bericht entscheiden wir uns für die sporadische Art. Die aktuelle Vernissage des Museums titelt: „Das Haus von Carta und seine Traditionen“. Eine derart vielschichtige Exposition erfordert schon schnelles Umschalten von einem Themenkomplex zum nächsten. Neben rein anthropologischen Informationen und Originalexponaten wurde das Museum aber auch speziell auf Folklore, Gewohnheiten der Inselbe-wohner bis hin zu botanischen Aspekten ausgeweitet.
HandwerkskunstSehr anschaulich wird den frühen Manufakturen der Inseln Raum gegeben. In der Abteilung Töpferei staunen wir über gute alte Fundstücke wie Schalen, Gefäße, Teller und sogar einen transportablen Kochherd, dazu noch ein tönerner Bienenstock. Aufschlußreich ist die Information, daß die Guanchen keine Töpferscheibe kannten. Alle Formgestaltung erfolgte bis zur Ankunft der Spanier per Hand. Tischlerkunst begeistert uns am Beispiel von herrlichen antiken Truhen und Kästen. Wir verweilen vor einer im Fenster eingebauten steinernen Filteranlage zur Trinkwassergewinnung, wie sie noch heute in manchem Patio zu finden ist.Auch eine andere hochinteressante Tradition gibt es heute noch: Wußten Sie eigentlich, daß auf der Insel Tabak angebaut wurde und das kleinflächig heute noch? Daraus resultierte eine Zigaretten- und vornehmlich die Zigarren-Herstellung. Begründer waren zurückgekehrte Auswanderer, die kubanische Erfahrungen mitbrachten. Heute wird in Familienbetrieben importierter, fertig fermentierter Tabak verarbeitet, wobei das größere Arbeitsfeld auf La Palma zu Hause ist. Doch Kenner sagen: Super, die Zigarren von den Kanaren!

Nun zur Attraktion der Ausstellung: Die Trachten der kanarischen Inseln - eine Welt der Vielfalt. Die Gestaltungsvarianten wechseln von Insel zu Insel, von Dorf zu Dorf. Es gibt territoriale Traditionen für das Design, aber auch familiäre Eigenheiten. Und es gibt eine so unendliche Vielfalt für die kreative Umsetzung. Wir sehen die Trachten für Frauen, Männer und Kinder. Nicht allein aus Teneriffa, auch die anderen Inseln werden mit einbezogen. Figurinen mit Hüten, Kappen, Tüchern und speziellen Darstellungen der kleinen Strohhüte, womit die Frauen den Transport ihrer Güter auf dem Kopf meisterten. Begeistern kann auch die Männermode mit den knielangen Hosen mit Spitzenbesatz.
Trachten – das klingt nach Fiestas und assoziiert natürlich Musik. Eine spezielle Abteilung ist den kanarischen Musikinstrumenten gewidmet. Insbesondere der so traditionsreichen 4 bis 5-saitigen Timple, ein verkleinerte Form der Gitarre, etwa in Größe einer Ukulele. Sie wird in jedem Dorf und zu jedem Anlaß in jeder Bodega gespielt. Es fehlt natürlich keinesfalls die legendäre spanische Gitarre. Ohne ist kein Flamenco vorstellbar. Dazu noch alle üblichen Rhythmusinstrumente wie Castañuelas (Kastangnetten), Tambores (Trommeln) und Timbales (Pauken).

Vergessen wir nicht, daß wir bei unserem Rundgang auch einen Überblick über die Arbeiten der so künstlerischen Flecht- und Holzarbeiten hatten. Schiffsreusen und Vogelkäfige sind dafür gute Beispiele. Wußten Sie übrigens, daß es auf Teneriffa oder hauptsächlich auf La Palma eine hochflorierende Seidenherstellung und –verarbeitung gab? Komplett vom Maulbeerbaum über die Raupenzucht bis zu Verarbeitung und Export? Über Ursprung und Technik erfährt man hier alles.Das Museum zeigt auch eine stilechte kanarische Küche mit original-historischer Einrichtung, also Keramik, Flaschen und Küchengerätschaften. Ausprobieren läßt sich eine alte Gofio-Mühle, deren Mühlstein von Hand gedreht wird (aber nur wenn keiner guckt).
Unmittelbar vor der Küche prangt ein prächtiger Kräutergarten, welcher verbrauchsbereit für die Köchin wächst. Weiter geht es jetzt im Freien durch eine mit Rebstöcken dicht bewachsene Passage, vorbei an einer alten Wasserpumpe dicht bei der Küche in das Hofgelände. Hier warten neue Überraschungen: Wenige Schritte bergan öffnet sich ein Botanischer Garten en miniature. Tropische Gewächse, Bäume, Sträucher in gepflegter Gestaltung. Regenwaldatmosphäre, durchzogen von kultivierten Wegen mit Ruheplätzen. Gut zum memorieren, was man erlebt und gelernt hat. Nun aber noch in das Hofgelände: Vorbei an einer historischen Weinpresse, hin zu den Seitenanlagen, wo die Gofio-Herstellung von alten bis zu modernen Mühlen zu verfolgen ist.

Ein Museum muß natürlich auch mit pädagogischen Aspekten aufwarten können. Und dieses Museum kann es! Mit seinem Programm „Actividades Didácticas“ ist Raum gegeben für wissenschaftliche Kolloquien, Arbeitsgespräche unter Fachleuten und Diskussionen. Schulklassen vom jüngsten Jahrgang bis zu Abiturienten erhalten hier im Rahmen ihres Unterrichtsfaches „Sachkunde“ (bei uns bekannt als Heimatkunde) praktische und informative Ergänzung zu ihrem Lehrstoff mit wechselnden Themen wie Färbereitechnik aus Naturmaterialien, Gofio-Herstellung oder Töpfereitechnik. Darüber hinaus gibt es noch manigfaltige Aktivitäten im Konzept des Museums wie Vorträge, Filmdemos oder spezifisch geführte Wanderrouten. Auch eine gute Bibliothek kann genutzt werden. Montags ist das Museum geschlossen. An allen anderen Tagen öffnet das Haus von Carta morgens 9:00 Uhr und schließt die puerta abends 19:00 Uhr. Telefon: 922 – 54 63 00.
Heinz-Rodolf ReneltFotos von Adelgund Renelt
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