Seide von den Kanaren - Die Traditionelle Seidenherstellung

Oktober 2007: Über eine florierende Seidenraupenzucht ist allerdings kaum etwas bekannt. Es sei denn, man besucht Museen, oder beschäftigt sich literarisch mit den Zeitzeugen. Zu denen gehört unter anderen Juan Régulo, der 1680 die Seidenraupenzucht beschrieb. Belege existieren von 1770 über damals 500 Familien auf La Palma und Teneriffa, die Seide produzierten. Adolphe Coquét beschrieb um 1884 die Farbenpracht der Seide durch den Cochenillefarbstoff. 1888 schildert Charles Edwardes das industrielle Produktionsverfahren, als das Handwerk schon unrentabel wurde.

Erste Begegnung mit der Seidenherstellung

Beim Besuch des Museums „Antropología de Tenerife“ in Valle de Guerra (bei Tacoronte) stößt man gleich zu Beginn auf ein Kabinett, das der Seiden-Produktion auf den Kanaren nach chinesischem Vorbild gewidmet ist. Großes Erstaunen – eine fernöstliche Zucht des „Bombyx Mori“, des „Echten Seidenspinners“ auf den Kanaren? Bestätigt wird das auf La Palma in der Kunstwerkstatt für Seidenherstellung „Las Hilanderas“ in El Paso. Dort kann man den Spinnerinnen bei ihrem komplizierten Handwerk zuschauen, wie erst nach 12 Arbeitsgängen ein fertiges Produkt entsteht.

Es begann mit einer Legende

In China erzählt man folgende Geschichte: Im Jahr 2640 vor Chr. trank eine Prinzessin Tee unter einem Maulbeerbaum, dabei fiel ein weißes Knäuel in die hauchzarte Tasse. Sie war neugierig, entdeckte, daß dieses Bällchen ein Kokon war, aus Fäden bestand und sich aufwickeln ließ. Das war die Geburtsstunde der Seidenherstellung. Über drei Tausend Jahre hielten die Chinesen die Entdeckung und die sich daraus entwickelnde Produktion streng geheim. Bis heute sind sie darin immer noch große Meister. Doch Produktpiraterie gab es auch damals schon, heute ein brisantes Thema in der Politik. Auf mysteriöse Weise kam das Geheimnis der Zucht und Herstellung trotzdem außer Landes. Dazu gibt es sogar zwei Legenden: Zur Zeit der Herrschaft des Kaisers Justinian schmuggelten um 522 Mönche in ihrem hohlen Hirtenstab den Samen für den Maulbeerbaum und die Eier des Maulbeerspinners nach Byzanz. Die andere Variante besagt, daß eine adlige Chinesin auf der Reise durch Turkmenistan in Mittelasien in ihrer Haarpracht den Samen für den Maulbeerbaum, bewusst oder unbekannterweise eingeführt hat. Damit soll sich das Geheimnis über Sizilien bis nach Nordafrika verbreitet haben. Im 8. Jhd. brachten die Mauren („moros“) die Technik der Manufaktur nach Spanien. In Granada, Málaga, Valencia, Murcia und Katalonien blühte die Seidenherstellung auf, die in verschiedenen Epochen bis ins 19. Jhd. bestand. Frankreich wurde gleichzeitig zum Konkurrenten in Avignon, Lyon und Paris.

Auf La Palma gab es 1775 Seidereien, die außer der Raupenzucht auch zunächst schmale Produkte webten, wie Bänder, Litzen, Gürtel, Kordeln und Strumpfbänder. Später wurden auch Hüte und Taschen aus Stoffbahnen mit 70 cm Breite hergestellt. Die traditionellen Volkstrachten zeigten auch hier den seidenen Einfluß bei Jäckchen und Röcken, in Plissee gefaltet, der aktuellen Mode angepasst. Bis 1815 hatte La Palma das Monopol und produzierte mehr als die anderen Inseln zusammen mit einem Wert von 7.000 englischen Pfund Sterling im Jahr. In Santa Cruz de La Palma führte Blas Carillo 1876 die modernen Techniken der französischen Seidenspinnerei ein. Doch durch die Industrialisierung in Europa ging im Verlauf des 19. Jhd. die Seidenindustrie auf den Kanaren zu Ende. Bis in die heutige Zeit hat sich nur in der Gemeinde El Paso diese aufwendige und langwierige Produktion in wenigen Familienbetrieben erhalten.

Der Echte Seidenraupenspinner

Der gemeinsame Vorfahre, „Bombyx mandarina“, stammt aus Korea und Japan. Die Schmetterlinge sind durch die lange Zeit der Domestizierung flugunfähig geworden. Wildlebend kommen sie kaum noch vor, werden aber durch die Zucht in ihrer Art erhalten. Wenig attraktiv ist der Seidenspinner mit dem etwas plumpen, behaarten Körper, weißlich bis gelb. Er ähnelt den uns bekannten Arten der Nachtfalter wie Schwärmer, Eulen und Motten. Das Weibchen verströmt einen Sexualduftstoff, von den Männchen auf große Entfernung wahrgenommen. Die Kopulation kann Tage dauern. 200 bis 500 Eier legt das Weibchen und stirbt danach.

Von der Eiablage zum Kokon

Nach wenigen Tagen kriechen die Raupen, die „gusanos“, aus, verpuppen sich nach dem Prinzip der Metamorphose. Das große Fressen beginnt. Anfangs nur 2 mm groß, häuten sie sich mehrfach. Sie brauchen dazu eine gleichmäßige Temperatur von 22 bis 25° C. Sensibel reagieren sie auf Lärm und Temperaturschwankungen. Das ist ein Grund, warum man dieses Stadium so selten zu sehen bekommt, es sei denn man erlebt es hautnah in China: Auf geflochtenen Bambusmatten werden sie dort, in Etagen übereinander gestapelt, gepflegt und betreut. Hat die Raupe ihre endgültige Größe nach 3 bis 4 Wochen erreicht, beginnt sie sich mit einem zarten Faden, einem Sekret aus Fibroin aus zwei Spinnwarzen der Unterlippe, einzuwickeln. Es entsteht eine leimartige, meist weiße aber auch farbige Hülle, die zum eiförmigen Kokon wird. Ist er fertig, möchte die Raupe eigentlich ausschlüpfen um ein Schmetterling zu werden. Doch da passen die Züchter den richtigen Zeitpunkt ab, bevor das wertvolle Gespinst zerstört wird. Einige wählt man jedoch zur Neuzucht für neue Eiablage aus.

Der Maulbeerbaum

Täglich müssen die Züchter neue Blätter des „Morus alba“ aus der Gattung der Moraceae herbeischaffen, um die gefräßige Gesellschaft satt zu kriegen. Die Würmer sind Sonderlinge mit einseitigem Speisezettel, sie wollen nur diese Blätter, nichts anderes. Zwar gibt es noch den „Morus nigra“, doch dessen Blätter schmecken ihnen nicht. Beispiele einseitiger Ernährung gibt es in der Tierwelt noch öfter, z.B. bei den Pandabären, die nur Bambus fressen. „Morus nigra“, aus Persien stammend, wird in Mittel- und Südeuropa sowie auf den Kanaren als Obstbaum wegen seiner süßen brombeerähnlichen Früchte angebaut. Der „Morus alba“ hat weiße Früchte, die den Spinner allerdings nicht interessieren. Er will die Blätter. Da der Maulbeerbaum nicht zu den endemischen Gewächsen der Inseln gehörte, mußte er also aus Samen gezogen werden, um einen Seidenspinner zum „kokonieren“ bringen zu können.

Vom Kokon zum Seidenfaden

Die interessante Entwicklung von der Raupe zum Schmetterling hat den Menschen immer wieder gefesselt. Daß man sich sein Produkt nutzbar macht, Familien ihre Existenz darauf aufbauten – ist genauso faszinierend. Um den im Kokon lebendigen Wurm abzutöten, kommen die weißen Bällchen in fast kochendes Wasser. Damit werden sie auch gleichzeitig aufgeweicht, zum Aufwickeln und Haspeln vorbereitet, meist auch heute noch in Handarbeit. Man erhält den ersten Faden, zart wie bei Spinnweben. Diese Rohseide heißt „Grege-Seide“. Danach wird der erste Faden, mit anderen Fäden zu einem Knäuel verzwirnt. Mit Seife und kochendem Wasser löst man den Seidenleim (Serezin) und entfernt Sekretrückstände.

Die verschiedenen Seidensorten

In erster Etappe wird der Seidenfaden, der eine Länge von 800 bis 1000 m haben kann, zur entbasteten „Cuite-Seide“. Sind noch Leimreste vorhanden nennt man es „Souple-Seide“. Für wertvolle Seide läßt sich von den Kokons nur etwa 900 m abwickeln. Daraus entstehen Stoffe wie Chiffon, Voile, Atlas und Satin. 7 bis 9 kg getrocknete Kokons liefern ca.1 kg Rohseide. Mit nur warmen Wasser gewaschen, ergibt es die Ekrue-Seide, mit noppiger Struktur. Nichts geht von dem edlen Naturprodukt verloren. Reststoffe, wie die den Kokon umgebende Flockseide, „Schappe“, werden zu Polstermaterialien, Bettdecken, in der Medizin und zur Kosmetik verwendet. Für eine Seidenbluse müssen etwa 650 Kokons, 100 für eine Krawatte abgespult werden. Der Preis? Zirca 50 €, „mas o menos”.

Das Weben und Färben

Im Museum „Las Hilanderas“ kann man gut das Aufwickeln der Kettfäden am Webstuhl verfolgen. Dabei werden Bindungen bevorzugt, die den Glanz der Faser hervorheben. Atlas- oder Satinbindungen sind eine Spezialität der Chinesen. Auf die Walze des Webstuhls aufgewickelt, folgt dann das Einkämmen und der Durchschuß mit dem Schiffchen. Die Fäden werden vorher eingefärbt, wenn man Effekte durch unterschiedliche Farbstellungen wünscht. Früher wurden nur Naturfarben und deren Mischungen gewählt, die auf Pflanzenfarbstoffen beruhten. Gleichfarbigkeit erreicht man durch Färben nach dem Webprozeß. Seit der Erfindung der Anilin-Farbstoffe nutzt man diese mehr, da sie farbechter sind.

Die Seidenstraße

Zurück zur Antike. Seit dem 2. Jhd. v. Chr. führte dieser Handelsweg von Xian, der ehemaligen chinesischen Hauptstadt, wo jetzt die Terrakot-tasoldaten ausgegraben wurden, bis nach Rom. Karawanen mit wertvollen Produkten wie Porzellan, Glas, Gewürzen, Edelsteinen – aber besonders mit edlen Stoffen aus Seide, brauchten 7 Jahre für Hin- und Rücktransport. Ein Roman von A. Barrico „Seide“, beschreibt die Liebesgeschichte eines Seidenhändlers auf seinen Reisen.

Seide kann noch mehr

In der traditionellen chinesischen Heilkunst ist Seidenpuder bei Hautproblemen schon lange bekannt. „Doran“, das weiße Seidenpuder, ist in Japan wichtigstes Element des klassischen Kabuki-Theater-Make-ups. Nicht nur der Stoff ist zart in den man sich kleidet, auch die Haut möchte seidenweich sein. In der Kosmetikindustrie machte um 1930 der Präsident von Kanebo, damals eine Seidenspinnerei (heute ein großer Konzern), die Entdeckung, daß seine Arbeiterinnen auffallend weiche und zarte Hände hatten. Das Wunder wurde erforscht. 1936 wurde die erste Seife auf Seidenbasis „Savon de Soie“ herausgebracht. Inzwischen gibt es über 84 Patente in der Seidentechnologie auf den Gebieten der Kosmetik und Medizin.

Das Geheimnis der Seide

Sie ist ein Multitalent, kann das dreihundertfache ihres Gewichtes an Flüssigkeit aufnehmen, ähnelt vom Aufbau her der menschlichen Haut. Sie enthält Seidenfibroine, blockt UV-Strahlen ab, ist luftdurchlässig und neutralisiert Säuren. Auf allen Gebieten der Kosmetik ist sie ein allerdings teurer Renner. Als gewebter Stoff hat sie viele Qualitäten: geringes Gewicht, ist elastisch, stabil (man erinnere sich an die Fallschirmseide), verträgt hohe Temperaturen bei der Behandlung und hat einen herrlichen Glanz und ein angenehmes Tragegefühl bei guter Wärmeisolierung. Der Name Seide? Lateinisch heißt sie „sericulum“. Die Chinesen kennen kein „r“ sie sagen „sse“. „Seta“ kauft man in Italien, „Soie“ in Frankreich, „Silk“ in England – aber in Spanien ist es die „Seda“.

Adelgund Renelt

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