April 2006:
In der schönsten Nachmittagshitze eines sonnigen kanarischen Tages besuchen wir Claus am Strand von San Agustín. Claus ist Bildhauer und arbeitet mit den hier naturgegebenen Mitteln: Luft, Sand und Wasser. Das heißt, Claus kreiert Sandfiguren, direkt am Strand vor den Augen der vielen Touristen und Schaulustigen, die die Strandpromenade entlang flanieren.
Von morgens früh bis in die späten Nachmittagsstunden geht Claus hier seinem Handwerk nach und läßt sich bestaunen von den mehr oder minder bekleideten Passanten. Auf den Knien im Sand mischt er Sand und Wasser, bis der nasse Sand die richtige Konsistenz für den Bau einer Sandskulptur hat. Es folgen drei bis vier Stunden Handarbeit an jeder einzelnen Figur, und fertig sind die kleinen Meisterwerke. Da thront der Sandlöwe „Simba“ mitten am Strand, zwei Leguane „Tom und Jerry“ schmiegen sich aneinander, und ein Sandkrokodil schlummert träge vor sich hin. Die drei Figuren haben Ausmaße von 50 cm bis über einen Meter und gruppieren sich im Halbkreis um die Schale, in die spendable Vorbeiziehende ihre Münzen werfen.
Wirklich profitabel sei der Job nicht, so Claus, aber zum Leben reiche es gerade eben so. Ein Blick auf die Tageseinnahmen bestätigt seine Äußerung, ungefähr zwanzig Euro haben ihren Weg aus den Taschen der Touristen in die Tageskasse von Claus gefunden. Claus sieht das ziemlich locker: „Wer sehen und geben will, der tut es und wer nicht, der läßt es eben“.
Unabhängig davon liebt er seinen Job. Den ganzen Tag an der frischen Luft, direkt am Meer, kann er seine Art und Weise der Kunst verwirklichen, ohne Streß, ohne Chef, mit vollkommen freier Zeiteinteilung. Sein Dasein als Sandfigurenbauer kommt dem „Ich bin reif für die Insel“ -Slogan vielleicht sehr nahe. Der konsequente Ausstieg aus hergebrachten Werten in ein Leben, das von einem Tag zum anderen friedlich und gelassen dahin fließt. Genau wie der nasse Sand, der sich unter seinen Händen dank Talent und mühevoller Kleinstarbeit zu kunstvollen Figuren formt. Selbstverständlich kann man den Bau einer solchen Sandfigur nur dann beurteilen, wenn man selbst eine gebaut hat. Also mache ich mich ans Werk. Aus zwei Eimern, einer mit Wasser, der andere mit Sand gefüllt, erstelle ich in mehreren Versuchen die richtige Mischung. Der befeuchtete Sand muß schließlich formbar sein. Dann beginne ich mit dem Versuch, eine Sandskulptur zu erschaffen. Nach einer guten halben Stunde habe ich etwas geschaffen, was annähernd wie ein liegender Frauenkörper aussieht. Dennoch – beim vergleichenden Blick zu den Skulpturen von Claus stellt sich automatisch Bescheidenheit ein. Aber schließlich praktiziert er sein Handwerk bereits seit sieben Jahren auf den kanarischen Inseln. Die Sandfiguren sind übrigens alles andere als pflegeleicht. Tagsüber muß Claus alle halbe Stunde mit einer Wassersprühflasche die Figuren immer wieder neu befeuchten, damit sie nicht in sich zusammenfallen. Mit einem Pinsel entfernt er anfliegenden Sand, damit die Konturen erhalten bleiben, und kerbt diese ständig mit einem ganz normalen Küchenmesser nach, das man normalerweise zum Kartoffelschälen benutzt.
Hauptsächlich im Sommer, so Claus, machen sich nächtliche Besucher des Strandes oftmals einen Spaß daraus, die liebevoll erbauten Skulpturen zu zerstören, nur so aus Jux. Dann kann Claus am nächsten Morgen mit dem Bau seiner Sandfiguren neu beginnen. Wenn keine nächtliche Zerstörung den Sandfiguren den Garaus macht, halten sie meistens einige Tage, bevor Wind und Wetter, Meeresbrise und trockene, heiße Luft sie von selbst pulverisieren.
Nach Feierabend, wenn die Sonne langsam untergeht und keine Passanten mehr die Strandpromenade entlang flanieren, geht Claus sein Feierabendbierchen trinken, im „Riverboat“, einer gemütlichen Kneipe unter deutscher Leitung, die eine Besonderheit aufweist. Hier gibt es eine original Wurlitzer Musikbox; im 50er Jahre-Stil, mit einer höchst ungewöhnlichen Musikauswahl.
Und hier landen dann die Centimos und Euros, die er mit seiner Tagesarbeit erwirtschaftet hat, und er hört die Musik, die ihm gefällt. Hier kann er all die Menschen vergessen, die ihn belächelnd an seinen Sandskulpturen vorbeigehen und die Kombination aus heißer Luft, Sand und Wasser nicht verstehen wollen.Petra Studt.



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