Das Megawelle Journal - Inselmagazin für Teneriffa, La Gomera, La Palma, Gran Canaria und El Hierro

Der Baum des Lichts - Weihnachtsbaum-Saison auch in Spanien

Dezember: Vielen Lesern, die hier auf der Insel Fuß gefasst haben, wird es ähnlich ergangen sein. Die bange Frage, wie wird hier das Weihnachten werden, ohne den vielleicht früher mit dem Förster ausgesuchten Tannenbaum? Ein Fest, ohne vielstimmiges harmonisches Geläut der Kirchenglocken? Ohne Weihnachtsmarkt bei rotgefrorener Nase und Pudelmütze am Glühweinausschank, ohne Weihnachtsstollen, Pfefferkuchenherzen, Bratwurst und überdimensionalen Fichten mit Tausend Lichtern auf den Plätzen?

Wir haben uns angepasst an die spanischen Traditionen mit dem Kult um die Krippen. Die Sorge um den echten, naturgewachsenen Nadelbaum ist vergessen, denn die Spanier lieben ihn jetzt auch und haben sich uns angepasst. Im Gartencenter „Draguito“ habe ich mich kundig gemacht: Wann kommen die ersten „Echten“? Ende November mit dem Container, vorwiegend aus Katalonien, war die Antwort. Spezielle Baumschulen befriedigen die stark gewachsene Nachfrage. Bei „Draguito“ gingen im vergangenen Jahr 250 Bäume in die Wohnstuben. Das große Festritual, unter dem „pino de navidad“, ist auch hier zur Gewohnheit geworden. Bis zum Festtag der „Heiligen Drei Könige“, am 6. Januar, hält der Lichterbaum garantiert sein Nadelkleid.

Der Baum kann jedes Jahr einen anderen Schmuck anlegen, ist er doch Spiegel seines Besitzers. Da der Advent sowieso die Zeit der Besinnung ist, sollte man auch zurückschauen, wie es mit dem Weihnachtsbaum begann. Das Licht, das wir in dieser Zeit so sehr vermissen, war schon den Urvölkern heilig. Im antiken Rom huldigte man der unbesiegbaren Kraft der Sonne „sol invictus“. Um die symbolische Kraft des Baumes ging es anfangs, da dessen Grün als einziges der Winterkälte widersteht.

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Die ersten Dokumente stammen von einer Bäckerzunft in Freiburg, die einen Baum für die Kinder im Jahre 1419 mit Naschwerk behängte. Damals hing man die Bäume noch an die Decke. Wie praktisch, das ersparte Ärger mit dem oft ungeeigneten Ständer. Platz für Krippe, Puppen und andere Geschenke gab es da genug. Urkundlich belegt stand der erste Weihnachtsbaum 1539 im Straßburger Münster. Doch vorher schuf Lucas Cranach d. Ä. einen Weihnachtsbaum als Kupferstich mit Sternen und Kerzen. Endgültig durchgesetzt hat sich der Festbaum in der Zeit des Biedermeier mit den ersten Wachskerzen. Er war anfangs den Adeligen und Wohlhabenden vorbehalten. Das einfache Volk begnügte sich mit Tannenzweigen oder auch geschmückten Ästen. Die Kirche wehrte sich lange gegen den „heidnischen“ Brauch.

Der Weihnachtsbaum – ein deutscher Baum? Diese Liebe zum Grün in dunkler Zeit übernahmen die Engländer und Niederländer von den Deutschen. Königin Victoria holte ihn 1840 nach London. Er hielt Einzug in Russland und Frankreich. Nach Amerika kam die Sitte des beleuchteten und geschmückten Baumes mit den Immigranten. Heute strotzen amerikanische Weihnachtsbäume mit glänzendem Schmuck und so sehr behängt, dass man nicht mehr erkennen kann, was sich darunter verbirgt. Ende des 19. Jhd. gab es sogar Christbäume aus Metall mit Ästen, die durch Gas beleuchtet wurden, mit zuckenden Flammen.

Das Schmücken des Baumes gehört mit zu den schönsten weihnachtlichen Vorbereitungen. Was soll man bevorzugen? Wachskerzen mit ihrem warmen Schein oder die elektrische Lichterkette? Technik scheint inzwischen den Vorzug zu haben, gibt es doch jetzt schon beleuchtete Kerzen, ohne Strippengewirr, mit Fernbedienung. Damit haben die „bomberos“ (Feuerwehr) hoffentlich auch mehr eine „Stille Nacht“ statt einer eiligen Nacht. Die ersten patentierten Kerzenhalter stammen übrigens aus dem Jahre 1867. Glaskugeln waren damals noch bis zu 4mm dick und mit Blei verspiegelt. Später hängte man exotische Tierfiguren, Engelchen oder aus Salzteig gebackene Figuren an die Zweige. Was für Kuriositäten der Phantasie entsprangen, zeigt auch die seltsame Tradition der gläsernen grünen Weihnachtsgurke. Absurd klingt das – doch verständlich, denn man schmückte ja auch mit Früchten und Gemüse. Findet man also eine versteckte gläserne Gurke im Baum, ist man favorisiert für ein extra Geschenk. Lametta, in Nürnberg erfunden, sollte glitzernde Eiszapfen nachbilden.

Wenn jetzt die zweite, dritte und vierte Kerze an Ihrem Adventskranz erstrahlt, dann ist es höchste Zeit für die Wahl Ihres Baumes, in letzter Minute gekauft, vielleicht ein Schnäppchen. Doch wie ist seine Figur? Sicher nicht mit Idealmaßen. Seit Jahren experimentiert man mit geklonten Fichten. Hoch, höher am höchsten, danach scheint man außerhalb der Wohnungen zu streben. In Seattle, USA wurde eine Douglasie mit 70 m Höhe aufgestellt. Jedes Jahr baut man in Dortmund den „Baum der Bäume“ auf einem Gerüst aus vielen kleinen Fichten zusammengesetzt.

Weihnachten ist auch die Zeit für gute Lektüre: Goethe schwärmte 1774 vom „paradiesischen Entzücken“ über den strahlenden Baum, wie auch E.T.A Hoffmann. Theodor Storm schildert uns am schönsten „seinen“ Lichterbaum. Die Tanne behängt mit goldenen Nüssen, Rauschgoldstreifen, bemalten Glaskugeln, Dragonern, Trommelschlägern, Engeln, viel Naschwerk – im strahlenden Glanz der Kerzen.

Glückliche Tage mit „Ihrem“ Baum des Lichtes wünscht Ihnen
Adelgund Renelt

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