Mai 06:
Daß die Kanarischen Inseln vulkanischen Ursprungs sind, ist den meisten Besuchern durchaus bewußt, zumal der größte Vulkan Spaniens, der Pico del Teide, unübersehbar über allem thront. Über Millionen Jahre, so lehren es die Geologen,
hat die Erde hier Feuer und Lava ausgespuckt, bis die viertausend Meter vom Meeresgrund bis zur Wasseroberfläche erreicht waren und Inseln entstanden.
Aber auch dann gab die Natur noch keine Ruhe – weitere Tausende Meter Material wurden aufgehäuft, und so entstanden die bizarren Felslandschaften, die wir heute so bewundern. Nun hat sich vulkanische Aktivität zwar zurückgezogen, aber ganz ruhig ist es auf den Kanaren nie geworden.
In geschichtlicher Zeit, und das sind hier die letzten ca. 600 Jahre seit der Entdeckung durch Portugiesen, Genueser und Spanier, kam es immer wieder zu Ausbrüchen, und zwar auf allen Inseln. Das wundersame daran ist, daß diese hier niemals so plötzlich erfolgten, daß Menschen dabei ihr Leben lassen mußten. Immer ließen ihnen die Vulkane genug Zeit, sich in sichere Gefilde zurückzuziehen. Das galt auch für den zerstörerischsten Ausbruch auf den Kanaren: die Vernichtung Garachicos am 5. Mai 1706. Damals war der Ort kein verschlafenes Provinznest, sondern der wichtigste Hafen der Insel. Gegründet von italienischen Kaufleuten, entwickelte sich Garachico dank seiner geschützten Hafenbucht bald zu einem prosperierenden Handelsplatz. Der Name stammt entweder von dem guanchischen Vornamen „Gara” oder von „Igara”, was Insel heißen soll. „Chico” ist Spanisch für „klein”, also „kleine Insel” wie der Felsen im Meer, das Wahrzeichen der Stadt.
Die ersten 200 Jahre - In den ersten beiden spanischen Jahrhunderten blühte der Handel in Garachico. Zum einen waren kanarische Häfen wichtige Zwischenstation auf dem Weg in die amerikanischen Kolonien, zum anderen entwickelte sich ein reger Handel vor allem mit England und Flandern.
Exportschlager waren damals Zuckerrohr und der berühmte Malvasía-Wein. Die Bananen kamen erst später hinzu. 1575 wurde zum Schutz des florierenden Hafens das Castillo San Miguel errichtet, das man noch heute besuchen kann. Damals besaß die Stadt zwei Kirchen, ein Hospital, fünf Klöster und zahlreiche Kapellen und Herrenhäuser. Jedoch gab es auch damals schon diverse Katastrophen, von denen sich die Stadt aber immer wieder erholt hat: 1559 eine starke Flut mit Überschwemmungen, 1659 eine Heuschreckenplage, 1692 und 1697 Brandkatastrophen. Schlimm war auch die Pestepidemie von 1601 bis 1606. Damals begann man mit der Verehrung von San Roque, dem Stadtheiligen. So feiert man 2006 ein doppeltes Gedenkjahr: 300 Jahre Vulkan und 400 Jahre Ende der Pest.
Die letzten 300 JahreAls am 5. Mai 1706 in der Montaña de Trebejo oberhalb der Stadt ein neuer Vulkan entstand,fühlte man sich noch nicht bedroht. Die Gegend ist heute als „Arenas negras” (schwarze Sande) bekannt, ein beliebtes Wandergebiet. Die Lavaströme flossen aber reichlich über viele Tage und erreichten die Bucht über zwei Rinnen, die heute noch gut zu erkennen sind. Fast die ganze Stadt wurde in Brand gesetzt oder verschüttet, auch die Kirchen Santa Ana und Nuestra Señora de los Ángeles (beide am Hauptplatz) brannten bis auf die Grundmauern nieder, wurden jedoch schon wenige Jahre später wieder aufgebaut.
Nur wenige der Klöster und Herrenhäuser blieben erhalten, wie auch das Castillo am Hafen. Die Stadt wurde bald wieder neu erbaut, mit der Bedeutung als Hafen war es aber vorbei, da die Bucht mit Lava zugeschüttet wurde. Wie hoch die Lava den Hafen begrub, läßt sich ahnen, wenn man die „Puerta de Tierra”, das alte Hafentor aus dem 16. Jahrhundert besucht, das unterhalb der Kirche besichtigt werden kann.
Es liegt tief unter dem heutigen Straßenniveau. Zwischen den Lavaresten am Meer kann man heute baden. Als Hafenplatz übernahm Puerto de la Orotava (heute: de la Cruz) die Funktion als Handelsplatz des Nordens. Ohne Handel mußte Garachico, wie die anderen Orte auch, mit Landwirtschaft und Fischfang auskommen und verlor seine frühere Bedeutung. Sein schönes Stadtbild hat es sich aber bis heute bewahrt, und es zieht immer wieder viele Besucher an.
Lebendige TraditionTraditionspflege wird in Garachico groß geschrieben. Zur 400-Jahr-Feier wurden San Roque und seine Kapelle am Meer in den letzten Jahren aufwendig restauriert. Sein Fest wird jedes Jahr am 16. August mit einer Romería festlich begangen. Ebenfalls im Sommer liegen die Festwochen zu Ehren des „Barmherzigen Christus”, wobei unter anderem brennende Räder nachts die Steilhänge heruntergerollt werden, um an die glühende Lava zu erinnern. Auch die allgemeinen religiösen Feste wie Dreikönig oder die Karfreitagsprozession werden immer feierlich zelebriert.
Die Gedenkfeier- Genau 300 Jahre nach der großen Katastrophe, am 5. Mai 2006, findet eine große Veranstaltung zum Thema statt. Um 18 Uhr geht es los mit der Einweihung eines Obeliskes mit Gedenkplaketten oberhalb der „Puerta de Tierra”, danach wird auf dem Hauptplatz ein Sandgemälde vorgestellt, hergestellt von Künstlern aus La Orotava, wo diese Kunst jedes Jahr zu Fronleichnam praktiziert wird. Anschließend, um 19.15 Uhr, wird die Ausstellung „Vulkane im Ozean” im ehemaligen Franziskanerkonvent (ebenfalls am Hauptplatz) durch den bekannten Vulkanologen Juan Carlos Carracedo eröffnet, woraufhin am selben Ort ein Vortrag über den historischen Ausbruch gehalten wird. Ab 22 Uhr folgt dann an der Hafenmole ein großes Spektakel mit Musik, Theater und Feuerwerk.
Im Laufe des Jubiläumsjahres wird es noch weitere Veranstaltungen in Garachico geben – wir vonder „MegaWelle“ werden unsere Leser und Hörer davon unterrichten. GD



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