Das Megawelle Journal - Inselmagazin für Teneriffa, La Gomera, La Palma, Gran Canaria und El Hierro
Das flüssige Gold Marokkos - Arganöl – das wertvollste Öl der Welt
Februar 2008: Verlassen wir Agadir und begeben uns auf die Suche, wo das geheimnisvolle Arganöl seinen Ursprung hat, von dem wir viel Gutes gehört haben. Wo und wie wird es gewonnen? Auf der Landstrasse, kilometerweit von Mimosenbüschen gesäumt, fesselt ein seltsames Bild am Straßenrand: Ziegen balancieren akrobatisch auf den Ästen unbekannter Bäume und fressen sich an den Blättern satt. Zunächst wirken sie wie Attrappen. Ein Touristengag? Sie klettern aber rauf und runter, ein Berberjunge hält Wache und wartet auf einen Bakschisch für die Attraktion. Wir erfahren: es sind Arganbäume, auch Arganien genannt, die ihnen als Futterquelle dienen. Auf dem Weg in Richtung Westen finden wir die wenigen, restlichen Bestände des ehemaligen Arganwaldes. Seit 1995 stehen sie unter dem Schutz der Unesco. Raubbau hat den Bestand so dezimiert, dass ein Aussterben des Baumes droht. Ein Bio-Reservat wurde mit Einverständnis der einheimischen Bauern geschaffen. Auch Deutschland fördert das Projekt zur Aufforstung mit der Stiftung „La Foundation pour l`arganier“. Die Vermarktung eines reinen Bio-Produktes wird für die Berber als Erwerbsquelle damit möglich. Die Fruchtbarkeit des Bodens verbessert sich durch neue Anpflanzungen und bietet gleichzeitig Schatten für andere Pflanzen, ob es nun in von Sandstürmen gefährdeten Gegenden oder im Hohen Atlas ist.
Der Arganbaum (Argania spinosa) aus der Familie der Sapotaceae, wächst nur noch im südwestlichen Marokko auf 800.000 Hektar. Er gehört zu den ältesten Bäumen der Welt und wird als Terziär-Relikt angesehen und ist absolut endemisch. Einst muss er große Flächen in Nordafrika und Südeuropa bedeckt haben. Sein Aussehen: Er ist immergrün (nur in extremen Trockenperioden wirft er die Blätter ab), wächst bis zu 10 Metern Höhe. Die Krone ist weit ausladend mit einem Umfang von 15 Metern und mehr. Die Äste sind dornig und neigen sich dem Boden zu. Kamele und Ziegen sind trotzdem sehr geschickt bei der Futtersuche. Enorm ist die Fähigkeit des Arganbaumes sich klimatisch anzupassen. Er verträgt Temperaturen bis zu über 40 Grad, auch lange Trockenperioden, und gedeiht sogar noch in Höhenlagen über Tausend Metern mit Kälte und Schnee. Die Lebenserwartung? 250 bis 400 Jahre. Sein Holz ist sehr hart, deshalb wird er oft auch „Eisenholzbaum“ genannt.
Das kostbare Öl liefern die Kerne
Für einheimische Berbern bietet dieser Multifunktionsbaum eine Grundlage für ihren Lebensunterhalt. Die Früchte sehen der Olive sehr ähnlich. Doch im Unterschied zur Olive wird das Öl nicht aus dem bitter schmeckenden Fruchtfleisch gewonnen, sondern aus den Samen. Eine mehrmalige Ernte ist möglich. Meist ist es jedoch der Herbst, wenn die Früchte gepflückt und am Boden aufgelesen werden. Dabei sind die Ziegen wichtige Erntehelfer, denn sie fressen die Früchte und scheiden die harten Kerne unverdaut wieder aus. Berberjungen klauben die Kerne aus dem trockenen Ziegenkot, waschen sie und verdienen sich so ein Taschengeld. Jeder Kern, groß wie eine Haselnuss, enthält drei weitere Kerne im Inneren, die äußerst hart sind. In jedem von ihnen steckt eine kleine Mandel, nicht größer als Sonnenblumenkerne. Daraus wird in schwerer Handarbeit das begehrte und teure Öl gewonnen.
Wir besuchen Berberfrauen, die bei ihrer Arbeit auf phantasievoll gewebten Teppichen aus Ziegenwolle sitzen. Freundlich werden wir zu einem erfrischenden Thé á la menthe mit Mandelgebäck eingeladen. Männer und Frauen sitzen getrennt auf bestickten Samtkissen. König Hassan hat einmal gesagt: „Marokko ist ein Baum, dessen Wurzeln in Afrika sind und der seine Äste in Europa hat“. Von beidem wurde Marokko sichtbar geprägt.
Teure Tropfen - Schlag auf Schlag gewonnen
Die Ölgewinnung ist eine Jahrhunderte alte Tradition der Berberfrauen. Die Arbeit ist enorm schwer und aufwendig. Mit Erfolg wurden jetzt Genossenschaften gegründet und durch Frauenkooperationen die soziale Stellung der Bäuerinnen verbessert. Aber sie betreiben die Herstellung nach wie vor durch manuelle Pressung. Um das Fruchtfleisch von den Kernen zu lösen, werden sie zuerst getrocknet. Danach werden die harten Schalen zwischen zwei Steinen zerschlagen. Die Samen werden in einer Steinhandmühle unter Zusatz von warmen Wasser zu einem Brei langwierig verknetet, bis sich das Öl absondert. Für 1 Liter Öl werden etwa 30 kg Früchte aus 5 kg Kernen benötigt. Das bedeutet mehr als einen Tag Arbeitszeit. Wenn man den Berberfrauen zusieht, mit ihren um den Kopf geschlungenen bunten Tüchern, den kräftigen Arbeitshänden, dann kommt man sich vor wie ins Mittelalter zurückversetzt. Auch heute noch ist 80% der Arganöl-Produktion reine Handarbeit. Was wird aus den Rückständen, der noch nahrhaften Paste? Es ist ein Leckerbissen für Ziegen, Kamele und die in Marokko üblichen schwarzen Schweine. Die getrockneten Schalen sind Brennmaterial. Neben der reinen Handarbeit setzt sich langsam auch maschinelle Produktion durch. Sie bietet in der Röstung und Pressung gewisse Vorteile, da der Ölkuchen besser ausgenutzt wird und eine Filterung längere Haltbarkeit ermöglicht.
Arganöl – ein Lebenselixier der Marokkaner
Von Generation zu Generation nutzen die Marokkaner die positiven Eigenschaften ihres Schatzes. Die Inhaltsstoffe waren ihnen kaum bekannt, erst die Wissenschafter wurden aufmerksam. Seitdem boomt das Geschäft mit Anbietern, die das flüssige, goldfarbige Lebenselixier in der ganzen Welt vermarkten.
Ergebnisse der Forschung
Naturbelassenes, kalt gepresstes Arganöl senkt den Blutdruck, bietet Schutz bei Arteriosklerose, reguliert den Cholesterinspiegel. Sein Fett setzt sich zu 80% aus ungesättigten Fettsäuren zusammen. Nach langen Studien stellte man fest, dass bei Darm- Brust- und Prostatakrebspatienten der Einfluss von freien Radikalen verhindert wird oder seltener auftritt. Der Vitamin E- Gehalt ist doppelt aktiver als beim Olivenöl durch Alpha- Tocepherol und gilt als wirksames Antioxidationsmittel mit Vitaminen A, C und E. Zur Immunstärkung bei Herz- und Kreislauferkrankungen wird es ebenfalls angewendet.
In der Gastronomie wird Arganöl mit seinem walnussartigen Geschmack und der goldgelben Farbe von Sterne- und Haubenköchen zu raffinierten Speisen verwendet, begehrt wie Trüffel und Kaviar. Im Haushalt ist das Öl zum Braten fast zu schade, aber eine Delikatesse zu Salaten oder pur zum Brot gegessen, wie bei den Marokkanern.
In der Naturkosmetik steht Arganöl als „Anti-Aging“-Produkt hoch im Kurs, ob nun für Haut- oder Haarprobleme. Trockene, reife oder geschädigte Haut, Sonnenbrand, spröde Haare – Arganöl ist ein Naturprodukt ohne Nebenwirkungen, dank hohen Anteile an Linolsäuren.
Souvenirs, Souvenirs aus der großen weiten Welt: Aus Marokko sollten es nicht nur Silberschmuck, Babouches, Teppiche oder Gewürze sein – sondern Arganöl zum Probieren und Gefallen daran finden.
Adelgund Renelt












