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Zu Besuch beim „Vater der Stiere“ - Wie die Osborne-Stiere an die Straßen kamen
Februar 2008: Als der kleine Familienbetrieb „Tejada“ in Puerto de Santa Maria in Cádiz Anfang 1957 den Auftrag des Spirituosenherstellers Osborne entgegen nahm, ahnte der Inhaber Félix Tejada nicht, welche Ausmaße dies einmal annehmen würde. Die Silhouette eines Kampfstieres, kaum größer als das Original, sollte der Schmied für eine Werbekampagne nachbauen. Fünf Jahrzehnte später sind die schwarzen Osborne-Stiere aus dem Hause Tejada nicht mehr irgendeine Werbung, sondern Sinnbild Spaniens, Kulturgut, mehr als 14 Meter hoch und aus Metall. Nur die Werkstatt und der Hersteller haben sich nicht verändert. Auf alten Holzbänken formen der Vater und die drei Söhne wie früher die Einzelteile. An einer Wand ist ein Osborne-Stier aufgezeichnet. Dort nehmen die Tejadas Maß, wenn sie mal wieder Schwanz, Hoden oder Hörner auswechseln müssen.
Der schwarze Toro Bravo, der auf Hügeln thront und von Autobahnen und Schnellstraßen des Landes optimal zu sehen ist, war als Werbegag gedacht. Der Künstler Manolo Prieto bekam den Auftrag, ein Symbol für die Spirituosenmarke Osborne zu entwerfen. Sein Vorschlag – ein schwarzer Karton, aus dem er einen „Toro Bravo“ herausgeschnitten und auf den er in verschnörkelter Schrift „Osborne“ geschrieben hatte – überzeugte. Prieto vermittelte die Umsetzung seines Entwurfs an seinen Bekannten Tejada, inzwischen als „Vater der Osborne-Stiere“ bekannt.
Vom Werbegut zum Kulturgut
Dass der Stier heute nur als schlichte Silhouette die spanische Landschaft schmückt, verdankt er einem Gesetz, das ihm fast den Garaus machte. Im Jahr 1988 sollten alle Werbeträger, die sich unmittelbar in der Nähe einer Autobahn befanden, entfernt werden. Die Werbefachleute im Hause Osborne wollten die Gesetzgeber mit einem Kompromiss dazu bringen, Gnade walten zu lassen: Sie ließen die Tejados neue, vier Stockwerke hohe Stiere anfertigen, die keinen Schriftzug trugen und ob ihrer Größe weiter entfernt von der Autobahn stehen sollten. Der Stier, so die Hoffnung, war schließlich schon mit Osborne zu einer Assoziation verschmolzen.
„Da standen wir vor einer echten Herausforderung“, erinnert sich Félix Tejada, der seinen Betrieb mittlerweile zwar an seine drei Söhne übergeben hat, aber immer noch fast jeden Tag in die Werkstatt kommt. 70 Metallplatten, die nur zwei Milimeter dick sind, fertigten sie an, die dann vor Ort zu einem 150 Quadratmeter großen Stier zusammengeschweißt werden. „Unsere Werkstatt ist klein“, der Blick des kleinen, weißhaarigen Mannes schweift in dem niedrigen Raum umher. „Und auf unseren Lastwagen passten nur gut 20-Quadratmeter-große Platten. Deshalb mussten wir viele kleine Platten vorbauen und dann vor Ort zusammensetzen“, fährt er fort. Die Maße haben sich seitdem nicht verändert. Allerdings gibt Osborne nur noch selten ganze Stiere in Auftrag. „Wir machen schließlich gute Arbeit“, schmunzelt Vater Tejada. Die Ausbesserungsarbeiten bringen den drei Söhnen indes aber immer noch ein gutes Auskommen.
1994 sah es so aus, als müsste der Stier trotz allem Erfindungsreichtum weichen. Doch ein Proteststurm erhob sich in den Medien. Landesregierungen beriefen sich auf ihre autonomen Rechte und weigerten sich, die Stiere zu entfernen. Navarra war die erste Provinz, die sich zum Stier als Symbol bekannte, wenig später folgte Andalusien. Der „Toro Bravo“ hatte gewonnen - und mit ihm die Tejadas.
91 Stiere in ganz Spanien
Die Familie lebt von den Stieren, Osborne ist mit seltenen Ausnahmen ihr einziger Auftraggeber. Früher hat Felix auch Tore und Schlösser geschmiedet, doch dafür blieb bald keine Zeit mehr. Den vorerst letzten Stier stellten sie zwar im Jahr 2004 auf. Doch Arbeit gibt es genug. Nicht nur das Salz des Meeres, Wind, Regen und Randalierer machen den Stieren zu schaffen. Wenn eine Kuh ihr Hinterteil so lange an dem fast bis zum Boden reichenden Metallschwanz reibt, bis er abfällt, wenn ein Jüngling seine Liebeserklärung auf dem Rücken eines Stieres verewigt sehen will und wenn die Hoden einem Vandalismusakt zum Opfer fallen, rücken die Tejadas an, in ganz Spanien. Félix und seine Söhne sind nicht mehr nur Schmiede, sondern auch Maler und Transporteure. Der „Vater der Stiere“ lässt niemanden anderen an seine Babies.
Der Wind weht stark in Puerto Santa Maria, als die Tejadas am frühen Nachmittag eine große, geformte Metallplatte auf ihren Lastwagen hieven. Der fast 80-jährige Vater Félix Tejada lässt es sich nicht nehmen, dabei zu sein, beim Ausbessern eines seiner Stiere. Das Opfer von Randalierern steht nicht weit weg, zwischen den Windmühlen der sanften Hügellandschaft in Los Barrios, Cádiz. Seine Schwanzspitze ist abgebrochen. Auf der Ladefläche trägt Tejada das Ersatzteil. Während der Wind unermüdlich die umliegenden Windmühlen antreibt, setzen seine Söhne Jesús und Félix die Schweißerbrillen auf. Mit einem Flaschenzug ziehen sie den mächtigen Schwanz nach oben. Anschließend klettern sie an dem Gerüst nach oben und setzen den neuen Schwanz an. Danach kommen die Pinsel zum Einsatz, damit man nicht erkennt, dass der Stier ausgebessert wurde. All das geschieht unter dem strengen Blick des Vaters. „Die Stiere sind mein Leben“, sagt er später, und seine Augen strahlen. Mittlerweile ist es Abend geworden. Der Stier steht stolz und wieder heil in der Abendsonne. Auch der unablässig blasende Wind kann ihm nichts anhaben, so wie den 90 seiner Kollegen in ganz Spanien. Und falls doch, dann kommen die Tejadas.
Veronica Frenzel













