Das Megawelle Journal - Inselmagazin für Teneriffa, La Gomera, La Palma, Gran Canaria und El Hierro
So nah ist die Vergangenheit - Die Casa Iriarte in Puerto de la Cruz
März 2008: Touristen, die Puerto de la Cruz als Urlaubsziel gewählt haben, sind weniger Anhänger des „Inselgrills“ als die Urlauber im Süden von Teneriffa. Sie sind mehr an Landschaft, Menschen und an Inselhistorik interessiert. Gerade davon hat Puerto de la Cruz viel zu bieten. Obwohl die Altstadt wie ein einziges Museum anmutet, braucht man schon Tipps, um die „Kronjuwelen“ zu entdecken. Viele historische Bauten sind aufwendig restauriert worden, aber da sie meist in Privatbesitz sind, ist ein Geldgeber oder Sponsor vonnöten, und wer hat den gleich an der Hand? Das Ayuntamiento ist da zugeknöpft, und „Weltkulturerbe“ ist ja Puerto noch nicht, also fließen auch keine Geldmittel. Ergo: manch wichtiges Kulturgut verfällt. Auch die „Casa Iriarte“ ist von dieser Bedrohung überschattet.
Die Calle Iriarte gestern und heute
Als Ausgangspunkt unseres Bummels wählen wir den beliebten historischen Hauptplatz von Puerto – die „Plaza del Charco“. Lösen wir uns von ihrer Turbulenz und pilgern wir an seinem Südausgang etwas bergan in die Calle Blanco bis zur nächsten links abbiegenden Straße – und da ist sie schon: Die „Iriarte“. Heute eine belebte, moderne Geschäftsstraße mit Hotels und Geschäften, aber auch früher schon bevorzugter Wohnsitz bedeutender Bürger von Puerto. Sie reicht von unserer Ausgangsecke bis zum Martianez-Viertel, unterbrochen durch eine steile Treppe. Alle ihre linken Seitengassen führen fast bis zum Ozean. Übrigens hieß diese Calle im 17. Jhd. noch „Calle Venus“, im Volksmund als „Calzada El Conche“ benannt. Heute ist das alles Fußgängerzone. Damit haben wir schon ein gutes Stück des alten Puerto de la Cruz besichtigt. Allerdings müssen wir noch unser Zielobjekt ins Visier nehmen.
An und in der Casa Iriarte
Nach dem Gang durch die Straße machen wir uns auf den Rückweg. Kurz vor dem Ausgang zum Charco haben wir sie auf der rechten Seite: Die Casa Iriarte. Ihr Areal ist recht großflächig. Es erstreckt sich von der Ecke der C./Bethencourt entlang der C,/Iriarte bis zur Ecke der C./San Juan. Wählt man den Eingang an der „Juan“, gelangt man in das Erdgeschoss und ist sofort gefangen von einem musealen Ausstellungsgeviert der traditionellen kanarischen Handarbeit, hauptsächlich Stickereien. Rings um den kleinen Patio sind die Verkaufsräume malerisch angeordnet. Die Canarios haben Weltruf erlangt mit ihren außergewöhnlichen Stickereien. Vielfalt und Muster dieser Qualitätsstücke wecken Erstaunen und Lust zum Kaufen. Der Patio selbst ist kleiner als bei spanischen Herrenhäusern gewohnt, nicht begehbar aber ein grüner Ruhepunkt in der gestickten Vielfalt.
Wählt man dagegen den Eingang von der C./Bethencourt aus, gelangt man zu einem Info-Center. Dort gibt es Auskunft zum Gebäude und seiner Geschichte, vor allem aber Hinweise und Billets für das „Museo Naval“, das Schifffahrt-Museum im ersten Stock der Casa. Auch allgemein zur Inselgeschichte ist dort einiges informativ dokumentiert. Heute hat die berühmte „Lord Nelson Association“ das Patronat für diese Exposition übernommen. Natürlich ist der legendäre Admiral Lord Nelson in der Ausstellung mit seiner missglückten Invasion vom 27. Juli 1797 in Santa Cruz erwähnt. Er hat für das Unternehmen mit seinem Arm bezahlt. Wir zahlen heute 5.- € für die Besichtigung der vielen historischen Schiffsmodelle, wollen dabei aber verständnisvoll übersehen, dass sich die Exposition wieder einmal in einer Restaurierungsphase befindet.
Auf der Südseite im ersten Stock liegen die Privaträume der Hausbesitzer. Leider gehört es zur Tragik der Casa, dass die Eigner oft wechselten. Das erklärt auch, warum so wenig in das Haus investiert wurde. Im letzten Jahrhundert verkam die Casa fast zur Ruine. Das scheint sich mit den neuen Besitzern wohl zu ändern. Die prächtigen spanischen Balkone sind schon wieder in alter Pracht zu sehen, doch angesichts der aufpolierten Calle Iriarte nörgelte ein Berliner Tourist über das Haus: „Dat hammse wohl vajessn inna Eile“. Kein Kommentar - es wird schon noch werden.
Worin liegt die Bedeutung der Casa Iriarte?
Zweifellos bei ihren Persönlichkeiten: 1653 wurde das Herrenhaus gebaut, und etwa 50 Jahre später kaufte der Patriarch der Familie Iriarte, Juan de Iriarte y Cisneros das Anwesen. Es wurde zum Geburtshaus hochgeschätzter portuensischer Intellektueller. Juans erster Sohn war wohl der bedeutendste: Tomás de Iriarte Nieves-Ravelo, genannt „el fabulista“ – „der Fabeldichter“ (1750-1791). Geboren in Puerto als Sohn der Doña Bárbara Nieves Ravelo. Ab seinem 13. Lebensjahr kam er nach Madrid und lebte mit seinen Brüdern bei Onkel Juan. Schon in jungen Jahren wurde er Archivar des Kriegsrates. Seine Berühmtheit allerdings erlangte er durch seine Dichtungen. Später, als Bibliothekar des Königs, hatte er reichlich Spielraum für seine schriftstellerischen Neigungen. Heute noch sind seine Dichtungen aktuell, wie etwa „Los literatos en curesma“ (Die Dichter der Fastenzeit), „La música“. „El señorito mimado“ (Der verhätschelte junge Herr), „La señorita male riada” (Das ungezogene Fräulein) und hauptsächlich “Las fábulas Liberarias“. Iriarte gehörte mit F.M. de Samaniego zu den berühmtesten Fabeldichtern spanischer Sprache. Seine Texte werden noch heute in den Schulen gelehrt. Berühmter Gast war er bei der Teilnahme an eleganten Salongesprächen, den „tertulias“. Er war der Prototyp des Aufklärers des 18. Jhd., universell gebildet in Kultur und Politik, Sammler und Musikliebhaber. Jedoch schon mit 41 Jahren verstarb er als Jüngster der Iriartes in Madrid als der wohl markanteste Vertreter dieser Familie.
Zweiter Bruder des Dreigestirns der Iriartes war Bernardo de Iriarte Nieves-Ravelo, genannt „el político“ – „der Politiker“ (1735-1814). Wie seine Brüder hatte er seine Jugendzeit bei Onkel Juan in Madrid und half bei der Redaktion seines Lexikons. Bald jedoch wurde er Sekretär bei der spanischen Botschaft in Parma und später in London. Als Kunstkenner war er großer Kritiker zeitgenössischer Maler. Verfolgt wurde er ob seiner Franzosenfreundlichkeit. Nach seiner Verbannung holte ihn Napoleons Bruder Josef an den Hof. Er heiratete erst mit 63 Jahren. Im hohen Alter von 79 Jahren verstarb er in Bordeaux.
Dritter Sohn war Domingo de Iriarte Nieves-Ravelo, „el diplomático“ – „der Diplomat” (1739-1795). Wie seine Brüder zog er mit 15 zu seinem Onkel in die Hauptstadt aufs Festland. Dort studierte er Sprachen. Schließlich wurde er Beamter in der Staatskanzlei. Als solcher arbeitete er in Wien und Paris. In Folge fungierte er als Botschafter in Polen. Der Frieden zu Basel sieht ihn als Hauptstreiter gegen die Übergabe von La Palma an die Franzosen. Mit Erfolg. Doch die Schwindsucht raffte ihn auf dem Wege nach Madrid am 22. 11. 1795 dahin.
Tomás de Iriarte Nieves-Ravelo
Drei Söhne hatte der intellektuelle Patriarch mit seiner Gattin der Insel geschenkt, zum Ruhme Teneriffas. Doch nachdem Vater und Söhne verstorben waren, erlosch das Geschlecht der Iriartes. Und damit begann auch der Niedergang der Casa Iriarte. Es blieben aber über die Jahrhunderte der Name der Casa, der Name der Calle und die Legenden. Damit haben Sie als Besucher Einblick in eines der ältesten Häuser von Puerto de la Cruz.
Heinz Rodolf Renelt













