Das Megawelle Journal - Inselmagazin für Teneriffa, La Gomera, La Palma, Gran Canaria und El Hierro
Das Genie das aus Teneriffa kam - 250 Jahre Agustín de Betancourt
: Ein Universal-Ingenieur wird geboren
Noch ist der „Puerto de La Orotava“ Teneriffas Haupthafen. Im Jahre 1758 hatte Puerto de la Cruz noch kein eigenes Stadtrecht. Der Stammvater des Clans der „Betancourt de Castro y Molina“ erwarb ein sehr respektables Haus. Es gehört heute zu den ältesten Bauten in Puerto de la Cruz (heute „Hotel Monopol”, direkt am Kirchplatz). In diesem Haus wird am 1. Februar 1758 ein Sohn geboren. Er trägt einen prächtigen spanischen Namen: Agustín José Pedro del Carmen Domingo de Candelaria Betancourt y de Molina (ist doch wohl leicht zu merken). Die Männer in seiner Familie waren fast durchweg Wissenschaftler, und so war auch der junge Agustín ein fleißiger Schüler und Student. Seine technische Begabung zeigte sich schon im Jahre 1778: Sein Bruder José und seine Schwester Maria inspirierten ihn zur Konstruktion einer Maschine zur Verzwirnung von Seidenfäden an. Damals gab es eine intensive Seidenspinner-Zucht auf den Inseln. Schwester Maria beschäftigte sich außerdem wissenschaftlich mit dem Farbstoff Karmesin, was auf den roten Farbstoff der Cochenille-Laus-Produktion dieser Zeit zurückzuführen ist. 1778 reiste Agustin de Betancourt dann von Teneriffa nach Madrid.
Das junge Genie bereist Europa
In diesen Jahren war Spanien gerade der klerikalen Doktrin entwachsen und öffnete sich der „Aufklärung“. Für Agustín bedeuteten das erst einmal wieder Studienjahre. Nach fünf Jahren kamen dann die ersten Aufträge: Die Spanische Krone verpflichtete den jungen Ingenieur mit der Inspektion des Kanals von Aragon und dem Minenbetrieb von Almadén. Hier kam für ihn die Dienstzeit in der Armee. Als Techniker wurde er bald zum Offizier, als Oberleutnant rekrutiert. Dabei hörte er von 1778 -1784 Vorlesungen an der Königlichen Universität „San Isidro“ und der Kunstakademie „San Fernando“. König Karl III. gewährte ihm ein Stipendium. Noch während des Studiums wurde er Ehrenmitglied der Akademie, und ab 1784 studierte er weiter in Paris, zunächst Physik und Geologie, ab 1786 spezialisierte er sich auf Hydraulik und Mechanik.
Auch in Paris war er bald Akademie-Mitglied und publizierte beachtete Werke zur Ingenieurtechnik. In Paris baute er auch einen Heißluftballon, der als zweiter nach den Brüdern Montgolfiere einen erfolgreichen Flug absolvierte. 1793 reiste er dann nach England, wo er drei Jahre blieb. Dort war sein wohl prägendstes Ereignis der Kontakt mit dem Physiker James Watt, dem Konstrukteur der ersten Dampfmaschine. Dazu gesellte sich der Physiker Boulton. Im Teamwork experimentierten sie an optischen Entfernungsmessungen.
1796 kehrte er von England über Frankreich zurück, plante und baute die erste spanische Kette von optischen Telegraphen, eine Reihe von vier Türmen mit Winkarmen auf der Strecke Madrid-Aranjuez. Er realisierte viele grandiose Projekte auf zivilem und militärischem Sektor.
Betancourt im Reich des Zaren
Ende 1807 reiste er auf Einladung des Zaren Alexander I. nach Sankt Petersburg. Der Zar war bemüht, Wissenschaftler und Künstler zu verpflichten, um sein Reich auf den neuesten Stand zu bringen. Bei der ersten Audienz beim Zaren wird er gleich in den Rang eines „Marschalls der Russischen Armee“ erhoben und wurde Beirat der „Abteilung für Kommunikationswege“. 1819 wurde er deren Direktor. Es wartete viel Arbeit auf ihn: Er konzipierte eine Brücke nahe der Newa, sorgte für die Modernisierung der Waffenfabriken in Tula und in Kasan und modernisierte die Fischereitechnik auf der Ostseeinsel Kronstadt.
Nächstes Projekt: Beim Bau der weltberühmten Kuppel der „Isaak-Kathedrale“ in St. Petersburg ist er verantwortlich für die Baueinrüstung. Wahrscheinlich geht auch das berühmte „Erdpendel“ aus der Kuppel der Kathedrale auf seine Initiative zurück. Auch die Bauaufstellung der bekannten „Alexandersäule“ ist sein Werk. Nach ihm wurde der „Kanal Betancourt“ benannt. In Moskau konstruiert und baut er die historische Reithalle. Nächste Aufgabe: Nishnij Nowgorod. Dort baute er die Messe der Stadt auf, modernisierte die Innenstadt, installierte eine Notendruckerei, regulierte die Dampfschifffahrt auf der Wolga, initiierte Wasserversorgungssysteme und engagierte sich in Eisenbahnvorhaben.
Aktivitäten eines Universalgenies, die wenig Parallelen in der Ingenieurwissenschaft finden. Er war universell und nimmermüde in seinen grandiosen Ideen. Doch dann gab es Differenzen mit dem Zaren. 1822 kündigte Betancourt seine Stellung als Institutsdirektor. Ohne seine Heimat wiederzusehen, zurückgezogen lebend, verstarb er am 14. Juli 1824 in Sankt Petersburg.
Das Geburtshaus in Puerto
Es wird schon 1742 in den Annalen erwähnt. 1758 geht es in den Besitz der Betancourts über und wird zum Stammsitz der Familie. Nach dem Verlöschen des Geschlechts wurde seine Geschichte recht wechselhaft: Um 1850 mutierte das Haus zum Unterhaltungszentrum. Vier Jahre später erwarb das Finanzministerium den Bau und nutzte es als Lagerhaus für landwirtschaftliche Produkte. Von 1877-1881 gehörte es dem Bürgermeister von Puerto. Der ständige Wechsel hat der Bausubstanz nicht gerade wohl getan.
Doch dann kam die Wende: 1888 wurde das Gebäude zum Hotel umgestaltet. Damit ist es das zweitälteste Hotel in Puerto de la Cruz. Im beginnenden Tourismus war es vor allem ein Treffpunkt für Engländer. 1928 erwarb es das deutsche Ehepaar Gleixner. Das Dreisterne-Hotel „MONOPOL“ ist noch heute im Besitz der Familie. Wegen seines Komforts und seines Ambientes wird es vor allem von deutschen Reiseunternehmen geschätzt. Eine besondere Attraktion ist der Haupteingang: Jeden Morgen schmückt ihn eine Señora in Nationaltracht mit frischen Hibiscus-Blüten. Die Geschichte des Hauses wird wachgehalten durch zwei Gedenktafeln, eine wurde zum Geburtstag Betancourts in Gegenwart einer russischen Delegation enthüllt.
Würdigung zum 250. Geburtstag
Puerto de la Cruz ehrt das Genie des Ingenieurwesens heuer mit einem Gedenkjahr. Mannigfaltige Aktivitäten haben bereits im März begonnen, mit einer kanarischen Delegation nach St. Petersburg, und enden erst im September des Jahres: Im April gibt es im „Centro de Estudios Hispánicos“ in Puerto eine Ausstellung zum Thema „Agustín de Betancourt und die Anfänge des modernen Ingenieurwesens in Europa“. Außerdem stellt der Historiker Juan Cuillén im „Hotel Botánico“ seine „Familienchronik von Agustín de Betancourt“ vor. Im Mai wird dann ein historisches Relikt beseitigt: Die „Avenida Generalísimo“, eine bedeutende Straße in Puerto, wird umbenannt in: „Avenida Familia Betancourt y Molina“. Im Juni gibt es einen Dokumentarfilm über das Leben von Agustín de Betancourt. Von Juli bis September erwarten wir Festakte zur Städtepartnerschaft zwischen Puerto und Puschkin/Sankt Petersburg. Im August wird es eine Serie von historischen Filmen geben. Im September reist noch eine Delegation von Puerto nach St. Petersburg und Nishnij Nowgorod, um die Partnerschaft zu feiern.
Der große Sohn Puertos, der außer Spanisch auch Deutsch, Französisch, Russisch, Englisch und Latein sprach, der Revolutionär der Technik in der Zeit der Aufklärung, das Genie, das aus Teneriffa kam, ist uns heute historisches Vermächtnis und Vorbild.
Heinz-Rodolf Renelt












