Die Windmühlen von Fuerteventura - Alte Getreidemühlen neu entdeckt

Mai 06:
Wer die westlichen Inseln des kanarischen Archipels kennt, mit ihren steilen Barrancos und schroffen Klippen, der fühlt sich auf Fuerteventura in eine andere Welt versetzt: Weite, ebene Flächen und trockene, rund erodierte Hügel erinnern eher an die Wüsten Südmarokkos als an Teneriffas Lorbeer- und Kiefernwälder. Braune, dürre Erde, auf der die Schatten der Wolken spielen, einsames Land zudem, abgesehen von ein paar Touristenhochburgen an den karibisch-weißen Sandstränden.
Und doch war dieses hügelige Eiland einst die Kornkammer der Kanaren – kaum vorstellbar für den heutigen Besucher. Es muß hier früher wesentlich mehr geregnet haben. Doch seit den fünfziger Jahren nahmen die Niederschläge stetig ab, die Quellen versiegten, das Land trocknete aus, wie uns ein älterer Einwohner klagte. Heute wird das Wasser für die Touristen mit Tankschiffen eingeführt, und einige Entsalzungsanlagen ergänzen das verbliebene Quellwasser zu Preisen, die die Bewässerung teurer machen als der mögliche Ertrag bäuerlicher Mühe. So bleiben heute nur noch die Ziegen, das Wahrzeichen der Insel, neben dem Fischfang als traditionelle Nahrungsquelle.

Ihre anspruchslose Gefräßigkeit trägt allerdings ihren Teil zur weiteren Verwüstung des Landes bei. Als Zeugen einstigen Wohlstands trifft man noch heute allenthalben auf Windmühlen, denn schließlich ist Fuerteventura ja die Insel der „starken Winde“, daher ihr Name. Neben den modernen Windrädern zur Stromerzeugung und den windgetriebenen Wasserpumpen – das sind die mit den vielen Rotorblättern, bekannt aus Western-Filmen – hat man einige der alten Getreidemühlen liebevoll restauriert. Im Dörfchen Tiscamanita hat die Inselregierung sogar ein kleines Mühlenmuseum eingerichtet, samt funktionsfähiger Windmühle alter Bauart. Hier kann man den bäuerlichen Alltag vergangener Zeiten studieren, und man erfährt so einiges über eine einstmals sehr lebendige Kultur.

Die Steinmörser- Schon vor der Eroberung durch die Spanier bildete Getreide die Basis der Ernährung der „Majos“, wie die Ureinwohner dieser Insel genannt wurden. Das Korn wurde sowohl zu Mehl als auch zu Gofio zermahlen. Für den Gofio wird das Korn vor dem Mahlen geröstet, wodurch es würziger und schmackhafter wird. Zum Mahlen verwendete man Steinmörser in verschiedenen Größen – Mühlräder wurden erst von den Kolonisatoren eingeführt.
Die HandmühleDie Mühlräder waren zunächst handbetrieben. Diese Handmühlen fanden sich bis vor einigen Jahrzehnten in fast jedem Bauernhaus der Insel, meist in einer Ecke der Küche. Das untere Rad lag fest, während das obere durch einen Stock gedreht wurde. Dieser ragte in ein Loch im Mühlstein und war oben in einem Holz gelagert, dessen Loch genau über der Drehachse lag. Das Getreide füllte man in das zentrale Loch des Mühlsteines, das Mehl kam an der Außenseite zum Vorschein. Eine solche Hausmühle kann man auf Teneriffa z.B. noch im ethnographischen Museum Valle Guerra (direkt an der Hauptstraße nach Tacoronte) ausprobieren, wenn gerade keiner hinschaut.
Die „Tahona“Mit dem Bedarf wuchs auch die Größe der Mühlen. Die nächste Entwicklung war die „Tahona“, bei welcher der Mühlstein über ein hölzernes Zahnrad von einem Kamel oder einem Esel angetrieben wurde, der im Kreis um die Mühle laufen mußte. Dieses Prinzip wurde auch zu Bewässerungszwecken verwendet: statt des Mühlsteines wurde ein Wasserrad zum Schöpfen des Wassers auf eine höhere Ebene angetrieben.
Der „Molino“Der wahre Fortschritt kam aber Ende des 17. Jahrhunderts in Form der Windmühle aus Europa. Die Bauform des „Molino“ ähnelt der aus Holland bekannten, obwohl jene dort vorwiegend zum Entwässern der unter Meereshöhe liegenden Polder verwendet wurden. Der starke Wind Fuerteventuras begünstigte den Bau der Mühlen speziell im kornreichen Norden der Insel. Die Mühlenflügel konnten je nach Windstärke mehr oder weniger mit Leinen bespannt werden. Sollte der Wind einmal ganz ausbleiben, behalf man sich mit den alten Tahonas und Handmühlen. Das Dach der Windmühle mit der Achse der Flügel konnte komplett in die Windrichtung gedreht werden, da die Achse der Mühlsteine genau in der Mitte des Turmes und somit symmetrisch lag. Das mannshohe Zahnrad, getrieben von der Flügelachse, einem vierkantig bearbeiteten Baumstamm, drehte ein kleines Zahnrad, dessen Achse wiederum einen Mühlstein antrieb. Der Müller trug die Kornsäcke nach oben, leerte sie in einen hölzernen Trichter mit Schütte, die das Korn in die Mitte der Mühlsteine leitete. Das frische Mehl wurde in hölzernem Schacht nach unten geführt, direkt in den bereitstehenden Mehlsack. Eine recht aufwendige Mechanik, die großem Verschleiß ausgesetzt war. Immer wieder mußten die Achse und Zahnräder gefettet und mit Wasser gekühlt werden, damit sie nicht zu heiß liefen. Die Zähne aus Hartholz mußten oft ersetzt werden, und selbst neuere Zahnräder aus Eisen wurden stark abgenutzt, wie man an den Exponaten des Museums sehen kann.
Die „Molina“Ein weiteres Problem war, daß jeder Kornsack über die schmale Treppe nach oben getragen werden mußte. Daher entwickelte der aus La Palma stammende Isidoro Ortega im 19. Jahrhundert eine modernere Bauform: die „Molina“. Die Mühlsteine wurden einfach in das Erdgeschoß der Mühle verlegt, indem die senkrechte, nun eiserne Antriebsachse bis dorthin verlängert wurde. Der obere Teil der Konstruktion blieb gleich, konnte aber als Holzfachwerkturm vereinfacht werden, da man nicht mehr oben arbeiten mußte, einmal abgesehen von der Wartung der Mechanik.

Der MühlsteinDie Herstellung der Mühlsteine war eine Wissenschaft für sich, die von spezialisierten Steinmetzen geleistet wurde. Hart mußte der Stein sein, um nicht zu schnell zu verschleißen, rauh, um zu mahlen, aber nicht zu hart, um formgerecht bearbeitet werden zu können, und selbstverständlich ohne Risse.
Solche Steine baute man z.B. in Lajares, nahe von La Oliva im Norden, ab („lajas“ heißen im Spanischen flache Steine). In die Mahlflächen der Mühlsteine wurden gerade oder gebogene Riefen gehauen, die das Korn zerreiben und das Mehl nach außen führen. Diese Riefen schliffen sich bald ab und mußten immer wieder erneuert werden. Wenn der Müller wieder einmal die Steine überarbeiten mußte, hängte er einen Stofflappen an den oberen Mühlenflügel, damit der Bauer schon von ferne sah, daß die Mühle momentan außer Betrieb war, und sich den Weg sparen konnte. Das erste Mahlen danach ging auf Kosten des Müllers, da das erste Mehl durch Abrieb verunreinigt wurde, bis die Steine wieder eingelaufen waren.
Diese mühsamen Zeiten sind vorbei, nicht nur, weil moderne Mühlen heute schneller mahlen, sondern auch weil alles Mehl und dessen Produkte inzwischen importiert werden. Auch das Korn kommt aus anderen Gegenden der Welt, seit die Trockenheit Fuerteventura zur Steinwüste machte. Nur der Wind, der bläst noch wie zu allen Zeiten, aber er treibt heute andere Mühlen an. Und wenn auch die meisten Schiffe inzwischen motorisiert sind, so freuen sich darüber doch die Surfer an den Stränden der Insel, die hier sogar ihre Weltmeisterschaften austragen, einfach so zum Spaß. Kaum einer denkt noch daran, daß dieses ihr Element einstmals eine so wichtige Rolle bei der Ernährung der Inselbewohner gespielt hatte. Nur die alten Mühlen stehen noch als stumme Zeugen in der kargen Landschaft, doch kein Don Quichote tritt mehr an, um die stillen Ungeheuer herauszufordern.

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