Das Megawelle Journal - Inselmagazin für Teneriffa, La Gomera, La Palma, Gran Canaria und El Hierro

DIE ROMERÍA VON SAN MARCOS - Ein lebendiges Stück Geschichte

April 08: Am letzten Sonntag im April ist in Tegueste der Teufel los: Es wird gesungen, getanzt und getrunken. Die Romería zu Ehren von San Marcos gehört zu den inselweit größten und farbenprächtigsten Umzügen. Hier treffen sich zahlreiche Gruppen mit dem Ziel, die kanarische Folklore zu verbreiten. Der große Festumzug, der dieses Jahr am 27. April begangen wird, ist die erste Romería des Jahres auf Teneriffa.
Eine typische Romería lässt sich wohl am besten mit dem Begriff „Erntedankfest“ übersetzen. Und da die Ernte auf den Kanarischen Inseln ganzjährig eingefahren wird, gibt es auch immer einen Grund zu feiern. Die „Romería de Tegueste“ ist jedoch nicht nur dafür berühmt, dass sie die Saison der Erntedankfeste auf Teneriffa einläutet, sondern das Fest ist auch dafür bekannt, dass der traditionsreiche Umzug geschmückter Ochsengespanne, begleitet von singenden und tanzenden Canarios in ihrer typischen Tracht, von unzähligen Inselbewohnern und Touristen besucht wird.

Ein Stück Geschichte
Tegueste ist das Beispiel für ein Volk, das gelernt hat, seine Geschichte zu lesen und zu schreiben. Und obwohl die Zeiten sich ändern und das Alte gerne für Neues über Bord geworfen wird, verdient das historische Erbe, der Glaube und die damalige Art das Leben zu verstehen Aufmerksamkeit und Respekt. Aber wie kann ein Dorf Geschichte schreiben ohne in lokalpatriotischer Besessenheit zu enden? Eine gotische Kathedrale ist so etwas wie eine in Stein gehauene Bibel. Ein Gebirgszug lebt durch die Erosion, und eine Romería ist für die Canarios das Geschichtsbuch eines Dorfes.

Ein Freudentag
Für einen Tag, wird das Leben in Tegueste in Übermaßen genossen, alle Fenster des Dorfes sind geöffnet, von den Wagen werden ununterbrochen Grillfleisch, gebackene Kartoffeln und Wein an alle Besucher gereicht – schließlich kann man nach einer guten Ernte aus den Vollen schöpfen. Überall hört man das Volk lauthals singen. Stundenlang ziehen Pferde, Ziegen und Ochsen, vor die „Carrozas“ gespannt, durch die Hauptstrassen der Gemeinde. Ein Anblick, der jeden Zuschauer in eine Zeit versetzt, in der die Landwirtschaft noch die Kanarischen Inseln regierte. Hier wird die Vergangenheit wieder belebt, um heute, in einer Zeit in der die Anonymität in der Gemeinschaft immer stärker gelebt wird, an alte Traditionen, den Gemeinschaftssinn, den Zusammenhalt und an das kulturelle Erbe zu erinnern.

Die Elemente der Pilgerfahrt
Das auffälligste Element der Romería ist wohl eindeutig der Ochsenkarren – der schon seit dem Altertum ein mythisches und heiliges Symbol darstellt. Die geschmückten Holzwagen duften nach Fleisch, kräftigem Rotwein und Gofio und strahlen vor Gastfreundschaft. In Tegueste müssen die Karren ein besonderes Detail aufweisen: Komplexe ländliche Szenen müssen in Bildern aus verschiedenen Körnern dargestellt werden. Mit Ausnahme von einer Variante, die besondere Aufmerksamkeit verdient: Es sind drei Segelschiffe, die auf Rädern einmal pro Jahr durch die Strassen von Tegueste segeln dürfen. Und obwohl die Gemeinde eine der drei ist, die dem Ozean den Rücken zukehren, also keine eigene Küste besitzen, gehört dieser spezielle Wagen seit Urzeiten zum Umzug dazu.

Bilderstrecke


Zur allgemeinen Gaudi wird eine weitere altkanarische Tradition gepflegt, der „Arrastre de Ganado“: Paarweise zusammengebundene Ochsen ziehen mit Sandsäcken beschwerte Holzplanken um die Wette über eine Ziellinie. Das tun sie aber nicht während des Umzugs – dafür gibt es einen eigenen Termin.

Eine weitere Besonderheit der Romería von San Marcos ist ihr berühmter Tanz: In Tegueste wird nicht wie auf den meisten Festen der altbewährte Bändertanz aufgeführt, sondern hier wird in einer viel weniger bekannten Version getanzt: mit Blumenbögen.

Doch trotz Karren, Schiffen und Tanz wäre die Pilgerfahrt von Tegueste keine echte Romería ohne die „Parrandas“ (Gesangsgruppen) und die Folkloretanzgruppen, die das Fest auf improvisierte Art und Weise mit Leben füllen. Besucher aller Inseln und Kontinente sind herzlich willkommen und dazu eingeladen, gemeinsam die alten Volkslieder zu singen, den guten Wein aus Tegueste zu probieren, das Tanzbein zu schwingen und so ein kleines Stück Geschichte mit zu schreiben.

¡Viva Tegueste! y ¡Feliz Romería!

Nicole Reuter

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