Predigt zum 4. Sonntag der Osterzeit
Predigt zum 4. Sonntag der Osterzeit 2008 (13.04.)L I: Apg 2, 14a.36-41 / Ev.: Joh 10, 1-10
Schwestern und Brüder!
Kurz nach dem zweiten Weltkrieg verfasste der Schriftsteller Wolfgang Borchert ein Theaterstück mit dem Titel: „Draußen vor der Tür“. Ein Stück über den Kriegsheimkehrer Beckmann, der in Deutschland nicht mehr zurechtkommt; seine Frau ist bei einem anderen; sein ehemaliger Oberst drückt sich vor der Verantwortung und seine Eltern sind tot. Wegen all dem leidet er körperliche aber auch seelische Not und fühlt sich außerhalb der Gesellschaft stehend – eben: „draußen vor der Tür.“
„Vor dem Gesetz“ heißt eine andere eindrucksvolle Erzählung von Franz Kafka. Ein Mann kommt darin vor das Gesetz, das wie ein großes und geheimnisvolles Haus ist. Vor der Tür steht ein Türhüter, der zwar den Eintritt nicht verweigert, der aber doch sehr detailliert die schlimmen Prüfungen schildert, die einen dahinter erwarten. Der Mann schafft es nicht durch die Tür zu gehen. Er ist der Überzeugung, dass ihn diser Türhüter davon abhält, aber in Wirklichkeit ist es nur seine eigene Ängstlichkeit und Unentschlossenheit. Kurz bevor er stirbt, fragt er den Türhüter: Wie kommt es nur, dass in all den Jahren kein anderer Mensch an dieser Tür um Einlass nachgefragt hat, außer mir? Da schreit ihn der Türhüter an: „Weil dieser Eingang nur für dich bestimmt war. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“
Zwei Erzählungen, die uns Menschen vor Augen führen, die draußen bleiben – in der sozialen Kälte einer Zeit, in der jede und jeder nur an sich selbst denkt und man vom eben erst überstandenen Krieg nichts mehr wissen will oder in die der Mensch einfach nicht hineinpasst, weil er nicht den Mut und die Kraft hat, durch die richtige Tür zu gehen. Allerdings lässt sich auch heute eine solche Not leicht entdecken, wenn man nur die Augen aufmacht. Unsere Wohlstandsgesellschaft hat eklatante Risse bekommen und immer mehr Menschen verlieren dabei die Orientierung über ihr Leben. Christen und auch Nichtchristen stehen heute vor gewaltigen Herausforderungen und es wird ja auch seit Jahren vielfach darauf reagiert: Denken wir nur an die Suppenküchen für Obdachlose und Herumreisende, sowie die vielen „Tafeln“, die wertvolle Dienste leisten. Übrigens sind wir hier in Puerto derzeit auch dabei eine solche einzurichten – genannt „la mesa“ – um Bedürftigen zu günstigen Einkäufen zu verhelfen. Neben all den Beratungsstellen und der großen Spendenbereitschaft gibt es heute aber auch eine tiefe geistige und geistliche Not: Und da denke ich schon, dass da unsere Kirchen besonders gefragt sind als Orte und Begegnungsstätten, in denen sich Menschen angenommen und aufgenommen fühlen. Draußen vor der Tür bleiben – das hat niemand verdient und das muss nun wirklich auch nicht sein.
Nun weist uns freilich das Evangelium auch noch einen anderen Weg, den es sich mal genauer anzuschauen durchaus lohnt. Allerdings müssen wir uns dazu ein klein wenig auf die ländliche Idylle einlassen, die da durch den Evangelisten Johannes aufgebaut wird. Stellen wir uns eine Herde von Schafen vor, die sich über Nacht im Stall befindet und vom Türhüter bewacht wird. Früh am Morgen kommt nun der Hirt zum Eingang des Stalls und wird vom Türhüter eingelassen. Er ruft und lockt seine Schafe um sie hinauszutreiben, wobei er bei dem ein oder anderen sicherlich auch etwas nachhelfen muss, weil im Gedränge der Herde und der Schwerfälligkeit mancher Tiere es sonst nicht vorwärts gehen würde. Wenn dann alle draußen sind, dann stellt sich der Hirt an die Spitze des Zuges, geht voraus und die Schafe folgen ihm. Soweit so gut! Aber was bedeutet das jetzt für uns?
Auch hier ist die Tür der entscheidende Ort. Nur geht es jetzt nicht hinein, sondern hinaus. Es geht nicht um Menschen, die durch eine Tür den Weg ins Warme suchen, sondern um Leute wie uns, die schon im Warmen leben und es sich darin gemütlich gemacht haben. Wir haben eine Wohnung, vielleicht eine Familie, einen Beruf, gönnen uns Zeiten des Urlaubs und erfreuen uns an der Kirche oder den Gottesdiensten. Und - wir haben Türhüter, die dafür sorgen, dass alles seine Richtigkeit hat bzw. seinen geregelten Gang geht. Politiker und Polizisten in den weltlichen; Papst, Bischöfe und andere kirchliche „Türhüter“ für die geistlichen Dinge. Alles könnte also so bleiben, wenn, ja wenn sich eben nicht herausstellen würde, dass wir – mit Verlaub gesagt - Wesen sind, deren Bestimmung es eben nicht ist, im Stall zu bleiben, es sich gemütlich zu machen, sondern nach draußen zu gehen und dort zu grasen, wo die anderen sind.
Außerhalb des Stalles ist es aber nicht ungefährlich. Da draußen versprechen uns nämlich viele ein sogenanntes „Leben in Fülle“ und wollen uns dabei doch nur ausnehmen wie eine Weihnachtsgans. Vermutlich kennen auch Sie die verlockenden Anrufe, in denen man erfährt, dass man gewonnen hat, um dann im weiteren Verlauf des Gesprächs feststellen zu müssen, dass man eben doch nicht das große Los gezogen hat, sondern nur geschröpft werden soll, als wäre man ein kleines Sparschwein. Wie kann man sich dagegen schützen? Wie erkenne ich „die Hirten, die nur sich selbst weiden“ und wie unterscheide ich davon den „guten Hirten“? Die Bildrede des Johannes zeigt uns eindeutig: Der gute Hirt kommt nicht auf die Art und Weise, dass er meine Schwachstellen ausmachen will, sondern er selbst ist wie eine Tür, durch die ich gehen kann und die mir zum Leben verhilft. Und ganz entscheidend ist: Ich kenne seine Stimme, ich spüre die Vertrautheit und ich nehme dem guten Hirten ab, dass er es eben wirklich gut mit mir meint.
Diese Sehnsucht hinein und der Weg hinaus – in beidem geht es um dasselbe: um Leben, um Liebe, um Erfüllung. Wer will es einem, der draußen friert verdenken, wenn er sich danach sehnt, drinnen zu sein? Aber drinnen meint eben nicht, sich dort nur häuslich einzurichten, sondern aufzubrechen wie Abraham, wie Israel in Ägypten und wie Petrus in seinem Fischerboot und dabei die Frierenden auf die Weideflächen Gottes, die Weideflächen des Lebens mitzunehmen. Schauen wir ruhig noch mal auf unsere bequeme Wohlstandswelt. Sie hat Risse bekommen und es zieht auf einmal gewaltig in ihr. Aber gerade jetzt kommt es eben darauf an, wie die Gegenstrategie aussieht: Werden die Risse nur abgedichtet, damit alles wieder so wird, wie es wahr? Alles gut verschließen, damit ja keiner reinkommt – auch kein guter Hirte? Oder machen wir die Türen weit auf, damit wir spüren, dass es außer Wohlstand auch noch ein Leben in Fülle gibt? Wird unser christliches Europa, dass es mitunter nicht mal mehr wagt das Wort Gott in den Mund zu nehmen, wird es nicht erst dadurch Profil gewinnen, wenn es auch seine religiösen Ressourcen wieder entdeckt?
Oder denken wir an unsere Kirche. Wie oft läuft sie Gefahr, wie eine ängstliche Übermutter oder ein strenger Übervater ihre Kinder eben nicht in die Freiheit des Lebens zu entlassen. Sie meint oft alles zu wissen, was uns Menschen zum Leben dient und reagiert mit Angst, Schuldvorwürfen und Drohungen, wenn etwas nicht so läuft, wie sie es für richtig hält. Nur – der Dienst am Leben in Fülle verbietet jegliche Erziehung durch Angst. Wie glaubwürdig kann denn eine Kirche sein, die einerseits Ängste brechen und zu einem mutigen Leben einladen will, die aber andererseits selbst solche Ängste erzeugt und Türen zum Leben schließt statt sie zu öffnen?
Und wenn wir uns einigeln in unsere eigenen vier Kirchenwände, dann laufen wir Gefahr, draußen den Hirten zu verpassen. Denn draußen spielt die Musik, am Arbeitsplatz, bei den heranwachsenden Kindern und Enkeln, in der Unruhe einer Touristenstadt. Komm heraus, sagt Jesus, geh mit mir und zeig den Menschen, wo das Leben in Fülle zu finden ist. Sicherlich ist es wichtig, sich zu versammeln, sich seiner Worte und seiner Anwesenheit wie jetzt bewusst zu werden; aber genau so wichtig ist es eben auch, ihm zu folgen in allen Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens – ob nun hier drinnen oder dort draußen auf der Rue de Galopp.
In Borcherts Theaterstück irrt nicht nur Beckmann, sondern auch der liebe Gott als alter Mann durch die Nacht: „Ich bin der Gott, an den keiner mehr glaubt“, sagt er vor sich hin. Ja, Borchert scheint seinen Glauben nach all den Wirren des Krieges verloren zu haben. Aber ohne dass er es vielleicht weiß, formuliert er zugleich eine biblische Wahrheit, die in diesem Bild vom guten Hirten eine besondere Anschaulichkeit gewonnen hat: Gott sucht den Menschen – Gott sucht uns – nicht verzweifelt, sondern voller Liebe. ER will das Leben in Fülle sein - für sie und für mich.
Leihen wir ihm unsere Stimme? Lassen wir ihn in unserer Gegenwart aufleben? Oder anders gesagt: Blöken wir noch – oder leben wir schon ??????? Amen.
Fürbitten:
Zu Jesus Christus, dem Hirten seines Volkes, wenden wir uns voll Vertrauen mit unseren Bitten:
- Schenke deinem Volk Frauen und Männer, die bereit sind, ihr Leben in den Dienst deiner Frohbotschaft zu stellen. Jesus, guter Hirte.
- Zeige den Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die entmutigt sind und mitunter an den äußeren Zwängen der Kirche leiden, dass deine Botschaft Leben in Fülle birgt. Jesus, guter Hirte.
- Zeige all jenen, deren Leben in Sackgassen von Not und Verzweiflung steht, dass du die Tür bist, die in Gottes unendliche Weite führt. Jesus, guter Hirte.
- Lass die Menschen, die sich in deinem Namen und Auftrag versammeln, lebendige Zeugen sein für alle, die dich nicht kennen oder sich abgewandt haben. Jesus, guter Hirte.
- Führe unsere Verstorbenen, die auf dich gehofft haben, in dein Reich, wo sie zum ewigen Gastmahl geladen sind. Jesus, guter Hirte.
Barmherziger Gott, so rufen wir voll Vertrauen zu dir und legen unser Geschick in deine Hände, denn wir wissen, dass im Heiligen Geist einer mit uns geht: Jesus Christus, dein Sohn und unser Bruder, heute und in alle Ewigkeit.









