Predigt zum 5. Sonntag der Osterzeit

Predigt zum 5. Sonntag der Osterzeit 2008 (20.04.)
L II: 1 Petr 2, 4-9 / Ev.: Joh 14, 1-12

Schwestern und Brüder!
Der Schriftsteller Berthold Brecht hat in einem Gedicht, welches er “Kinderkreuzweg” nannte, den Irrweg deutscher, polnischer und jüdischer Kinder geschildert, die im Krieg ihre Eltern verloren hatten und zwischen die Fronten gerieten. Die Kindergruppe zog von Ort zu Ort und wurde dabei immer größer - zuletzt waren es 55 Jungen und Mädchen. Es war Winter und die Wegweiser am Straßenrand, teilweise vom Schnee verweht, zeigten die falschen Richtungen an. Ein kleiner Hund begleitete die Gruppe. Später - viel später fand man in einer verlassenen Gegend genau diesen Hund - er war verhungert. An seinem Hals trug er ein Pappschild, worauf mit ungelenker Kinderschrift geschrieben stand: “Bitte um Hilfe! Wir wissen den Weg nicht mehr!”
Wir wissen den Weg nicht mehr - war das nicht auch der Hilfeschrei der Jünger nach dem Erleben des Karfreitags? Vor seinem Tod war Jesus ihnen der sichere Weg. Sie folgten ihm mit Begeisterung, weil er sie mit seinen Worten und Taten überzeugt und eine überaus große Ausstrahlung auf sie und viele andere Menschen gehabt hatte. Ob sie ihn nun tatsächlich mit seiner Botschaft immer verstanden haben, ich weiß es nicht. Aber zumindest hat dies die Jünger nicht existentiell verunsichert. Nach dem Karfreitag war das allerdings anders. Da wurde aus diesem einst so verheißungsvoll begonnenen Weg eine Sackgasse; ein Weg zurück in das Alte, das Vergangene - schlicht in das, was vorher war. Erst die Auferstehung Jesu sammelte sie wieder, eine und einen nach dem anderen. Das Zeugnis derer, die ihn gesehen und erlebt hatten, die lässt schlagartig alte und fast schon erloschene Hoffnungen wieder aufflammen. Und in diese, für die Jüngerinnen und Jünger so verheißungsvolle Situation, da spricht Jesus dann sein Wort des Abschieds; macht er ihnen deutlich, dass er zum Vater zurückkehren wird. Irgendwie doch verständlich, dass da die Seinen mit Angst und Verunsicherung reagieren, die Thomas mit den Worten auf den Punkt bringt: “Herr, wir wissen eben nicht wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?” Was der Apostel hier ausspricht, das ist fast schon wie ein Hilfeschrei. Wenn du, Jesus, jetzt weggehst, wenn du uns jetzt wieder allein lässt, wie soll es dann mit uns weitergehen?
Noch sind die Jünger anscheinend nicht bereit zur Trennung, denn Jesus war und ist für sie Heimat und Orientierung. Trennungen aber machen Angst - nicht nur den Jüngern. Denken sie doch nur mal an die Trennung von einem Menschen, dem sie über viele Jahre eng verbunden waren. Da tauchen doch auch Fragen auf, die einen bis ins Mark berühren: Wie gehe ich mit diesem Verlust um? Werde ich damit klarkommen, wieder allein zu leben? Werde ich meinem Leben einen neuen Sinn geben können?
Trennungen lösen immer Ängste aus, selbst wenn wir diese ganz bewusst in die Wege leiten, wie z.B. einen Wohnortwechsel oder den Abschied von einer bestimmten Lebensform. So sehr wir einerseits die Freiheit schätzen, heute eben vieles selbst bestimmen und entscheiden zu können, so sehr verunsichert uns eben auch und gerade diese Wahlfreiheit. Freiheit bedeutet ja immer auch ein größeres Maß an Eigenverantwortung und damit an Einsamkeit. Meldet sich aber nicht gerade in einer solchen Situation verstärkt der Wunsch nach mehr Sicherheit und Geborgenheit?
Jesus spürt diese Ängste und Bedenken und deshalb beginnt er seine Abschiedsrede mit dem Hinweis: “Euer Herz lasse sich nicht verwirren!” und er stellt ihnen in Aussicht: “Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Ich gehe hin, euch eine Wohnung zu bereiten.” Ein neues Zuhause soll den Jüngern das Loslassen erleichtern. Zuhause sein, das bedeutet doch: ich bin mit etwas oder mit jemandem verbunden; ich bin verwurzelt, habe meine Wurzeln in einer bestimmten Landschaft oder in Menschen festgemacht. Ein Zuhause, das ist ja ist nicht nur ein äußerer Ort - Zuhause: das sind auch Menschen, die mir wichtig sind, die ich ins Herz geschlossen habe. Bei diesen Menschen fühle ich mich wohl und geborgen, weil ich der sein kann, der ich bin. Also ist Zuhause auch überall da, wo ich anerkannt, geliebt und bestätigt bin, wo ich loslassen und mich entfalten kann.
Ein solches Zuhause ist nach den Worten Jesu auch Gott selbst. Er wohnt in jeder und jedem von uns, wenn wir ihn in unser Leben einlassen, wenn wir ihm den dafür nötigen Wohnraum zur Verfügung stellen. Wohnen im Herzen Gottes – was damit gemeint ist, kann die Wirkweise eines Pendels vielleicht besser verdeutlichen: Wer glaubt, der ist sozusagen in Gott festgemacht, wie ein Pendel in der Hand festgehalten wird. Der Pendelstein kann unten große oder kleine Kreise ziehen, er kann gegen Gegenstände stoßen oder gleichmäßig hin und herschwingen. Immer aber bleibt das Pendel an der selben Stelle festgemacht. Darum kann es sich auch immer wieder beruhigen und in die gleiche Stellung zurückkehren.
Ein Mensch, der sein Leben in Gott festmacht, der wird nicht aus der Welt herausgehoben und dessen Lebensweg verläuft auch nicht ohne Ecken und Kanten. Mit Sicherheit wird es im Leben dieses Menschen auch Ängste geben. Aber der Glaubende vertraut darauf: Gott hält mich voll Liebe. Ich möchte Ihnen das gerne anhand einer konkreten Lebenssituation, die mir eine Frau hier in San Telmo mal geschildert hat, etwas vertrauter machen. Nennen wir sie einfach Annemarie. Annemarie war viele Jahre in einer sehr verantwortungsvollen Position eines großen Betriebes. Sie war geschätzt, anerkannt – sie wusste, wo sie hingehörte. Auch in ihrem Glauben hatte sie dieses Gefühl, eine Wohnung, ein Zuhause gefunden zu haben und so reifte in ihr – einer ledigen und mutigen jungen Frau - die Entscheidung heran, in ein Kloster einzutreten. Sie gab alles Liebegewonnene auf, verabschiedete sich von den Freundinnen und ging ins Kloster. Sie war überzeugt, das für sie Richtige gefunden zu haben.
Doch es ging schief – aus welchen Gründen auch immer. So stand sie nach nur wenigen Jahren quasi auf der Straße – enttäuscht und verletzt, sicherlich auch verbittert und zornig. Zornig auf die Klostersituation, wütend ein Stück weit auch auf Gott selbst: Hatte er sie nicht auf diesen Weg geführt? Sie war verzweifelt, beschämt und fand keinen Mut, an alte Beziehungen anzuknüpfen. Aber damit nicht genug: Es folgten weitere Schicksalsschläge. Die Diagnose Krebs lies ihr Herz dunkel werden und der Glaube, der für sie einmal so kostbar und wichtig war, entschwand in weite Ferne.
Nach der OP stand eine Kur an. Und da erinnerte sie sich an eine alte Bekannte, die in der Nähe des für sie bestimmten Kurortes wohnte. Sie hatten schon lange keinen Kontakt mehr, aber Erinnerungen an wohltuende Begegnungen stiegen in Annemarie auf und so wagt sie den Schritt, den Weg ins Unsichere und schreibt ihrer Bekannten, ob man sich während der Kur nicht mal sehen könnte. Nur wenige Tage später kommt etwas, was ihre kühnsten Träume übertrifft: Ein Willkommens-Brief mit dem Bild eines Ohrensessels. Und auf der Rückseite des Bildes liest sie den Satz: „Der wartet auf dich.“
Annemarie ist erschüttert und beglückt zugleich. Tränen treten ihr in die Augen – endlich kann sie wieder weinen! Lange angestaute, ungeweinte Trä-nen, erlösende Tränen. Sie ahnt, dass dies der Anfang eines neuen Lebens sein könnte. Und so war es auch. Die Begegnung mit der alten Bekannten gab ihr den Mut zu weiteren Schritten und langsam aber sicher blühte sie wieder auf. Und heute? Bei unserer Begegnung beschäftigte sie zunehmend die Frage: Ist da am Ende vielleicht doch noch einmal Gott im Spiel? Kann sie das, ja will sie das glauben, nachdem sie sich so lange immer nur als Opfer gesehen und noch mehr gefühlt hat?
Ein alter Ohrensessel verbunden mit der Botschaft: „Der wartet auf dich.“ Ist es möglich, dass Gott ihr damit sagen will: „So – genau so – bin ich für dich da. Lass es dir einfach gefallen?“ Es wäre unfassbar. Ein ganz neues Lebensgefühl. So ganz anders als damals, als sie ihn im Kloster gesucht hatte. Sie beginnt zu ahnen, dass sie damals versucht hat, mit ihrem Eintritt ins Kloster Gott zufrieden zu stellen, sich seine Zuwendung zu verdienen.
Aber jetzt tut sich die Tür zu einer ganz neuen Wohnung in Gottes Haus auf. Zu einer Wohnung, über deren Eingang die Worte stehen: Komm wieder zur Ruhe. Ich bin bei dir. Ich habe dir einen Platz bereitet, um dir Gutes zu tun. Einfach so. Gratis, geschenkt!
Darum, Schwestern und Brüder, was immer auch in ihrem und meinem Leben geschehen mag: Lassen wir uns unser Herz nicht verwirren! Denn das Gesicht der Liebe Gottes scheint uns täglich neu auf – wir müssen es nur erahnen und wahrnehmen. Amen!


Fürbitten:
Vater im Himmel, du kennst die Herzen der Menschen und du sorgst dich darum, dass wir Menschen unseren Weg beherzt gehen können. So bitten wir dich – um deiner Fürsorge willen:

- Ermutige die Herzen unserer Politiker, dass sie ihren Überzeugungen treu bleiben und sich durch nichts und niemanden verwirren lassen. Gott, unser Vater.

- Stärke die Herzen all derer, die in deiner Kirche einen Dienst tun oder ein Amt innehaben, dass sie sich unbestechlich am Wohl der ihnen Anvertrauten orientieren und die dafür notwendigen Schritte auch mutig gehen. Gott, unser Vater.

- Richte die Herzen all derer auf, die ein schweres Schicksal zu tragen und zu meistern haben und die oft Gefahr laufen, sowohl den Mut als auch die Kraft dafür zu verlieren. Gott, unser Vater.

- Erfülle unsere Herzen mit deiner Freude und deinem Frieden und lass nicht zu, dass sie über die Fragen unserer persönlichen und auch der kirchlichen Zukunft verängstigt und verwirrt werden. Gott, unser Vater.

- Schenke unseren Toten – heute bitten wir ganz besonders für N.N. – eine Wohnung mit und bei dir, damit sie die Fülle des Lebens mit dir teilen und Anteil haben an dem, was du uns allen verheißen hast. Gott, unser Vater.

Wir preisen dich, Gott, unseren Vater, und danken dir für deinen Sohn Jesus Christus, der uns und unsere Herzen kennt. Dir sei Lobpreis und Ehre in Ewigkeit. Amen.
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