Zündfunke von Montag, 27. April - Sonntag, 04. Mai 2008

Zündfunke vom 28.04. - 04.05.2008
Diakon Bertram Bolz
Deutschsprachige Kath. Gemeinde in Puerto de la Cruz

Montag, 28.04.08:
Einen guten Wochenanfang wünsch ich Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, sowie allen Kolleginnen und Kollegen hier bei Radio Megawelle und Atlantis FM!
Ich erinnere mich daran, wie wir im Schülergottesdienst jene Ostergeschichte gehört hatten von Thomas, dem Apostel, der nicht dabei war, als Jesus seinen Freunden nach dem Tod lebendig erschienen ist. Wahrscheinlich wissen sie um diese Geschichte und die Tatsache, dass dieser Thomas nicht glauben konnte, was die anderen ihm da erzählten. „Nein“, sagte er, „ich glaube das nicht, wenn ich ihn nichts selbst sehe und berühre.“
Mit den Kindern kam ich ins Gespräch darüber, was und wem man denn glauben kann. Und so fragte ich sie: „Wem glaubt ihr denn?“ Einer sagte daraufhin: „Ich glaube Jesus“, und eine andere: „Ich glaube, was in der Bibel steht.“ „Na ja“, dachte ich so bei mir, „das passt zwar zum Schülergottesdienst, aber ist da auch eine konkrete Erfahrung dahinter?“ So frage ich weiter: „Ja glaubt ihr auch euren Freunden?“ – Antwort: „Nicht immer!“ „Und euren Eltern? – „Hm, auch nicht immer!“ Da wusste ich dann nicht mehr, wenn ich denn noch ins Feld führen sollte. Da sagt plötzlich ein Mädchen: „Ich glaub’ Dir!“ Klar, dass ich mich über diese Aussage gefreut habe – gar kein Zweifel. Nur – warum glaubt sie gerade mir? Sie kennt mich doch kaum.
Die Antworten der Kinder haben mich nachdenklich gestimmt. Warum glauben sie eigentlich denen, die sie gut kennen, weniger? Haben sie zu oft erfahren: Meine Freundin hat mich angelogen und meine Eltern nehmen es mit der Wahrheit oft auch nicht so genau? Vertrauen sie mir, einem Fremden, weil sie mit mir in der Kirche reden? Weil sie mit mir vielleicht bis dato noch keine schlechten Erfahrungen gemacht haben? Ich für meinen Teil glaube einfach, dass die Kinder das dringende Bedürfnis haben, jemandem von Grund auf zu vertrauen. Ich spüre dieses Bedürfnis ja auch bei mir selbst immer wieder. Wie groß mein Wunsch ist, Menschen um mich zu haben, denen ich glauben und vorbehaltlos vertrauen kann. Denn wo ich das kann, da fühl ich mich auch beschützt und geborgen.
„Sind nur die Dummen ehrlich?“ Solche Schlagzeilen in Presseartikeln unserer Tage zeigen einen gesellschaftlichen Trend: Man nimmt es mit der Wahrheit nicht mehr so genau. Es ist bequem und kurzfristig vorteilhaft, sich mit Lügen und auch sogenannten Halbwahrheiten durchs Leben zu schlängeln. Aber wenn man die Wahrheit zu billig verkauft, dann zahlt man am Ende drauf, weil niemand mehr weiß, wem er eigentlich noch glauben und vertrauen kann.
Wenigstens kleine Inseln des Vertrauens müsste es geben; Inseln in der Familie oder auch dem Freundeskreis. Diese schafft man dann, wenn man selbst versucht grundehrlich zu sein und dies dann eben auch vom anderen erwartet und verlangt. Sollte wirklich eine Notlüge fällig sein oder nötig werden, dann muss man darüber sprechen und sich ehrlich und aufrichtig rechtfertigen – vor allem Kindern gegenüber. Denn die können i.a.R. noch nicht unterscheiden zwischen den einen und den anderen Lügen. Und dann fangen sie an zu zweifeln. Aber gerade Kinder haben ein besonderes Recht auf Räume, wo sie vertrauen können und sich geborgen fühlen.


Dienstag, 29.04.08:
Einen wunderschönen Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer!
Zu Beginn meines Studiums war vieles neu für mich und ich musste mich in Fächer einfinden, die mir bislang fast unbekannt waren. So z.B. auch das Fach Philosophie. Mir als Pragmatiker fiel es mitunter sehr schwer, mich auf die Denkweise des Dozenten wirklich einzulassen. Und so fragte er mich sicherlich nicht zu unrecht: „Wie stellen Sie sich das eigentlich mit der Prüfung vor?“ Worauf ich süffisant antwortete: „Da vertraue ich ganz auf den Hl. Geist.“ Und was sagte mein Dozent: „Dann müssen sie ihm aber auch eine Landefläche bieten.“
Das hat gesessen und dieser Spruch kommt mir immer wieder in den Sinn. Vor allem dann, wenn der Hl. Geist mal wieder als Lückenbüßer für unsere Dummheit oder auch Faulheit herhalten muss. Genauso wenig hat meines Erachtens einer Anspruch auf einen Schutzengel, wenn er unangeschnallt mit dem Auto unterwegs ist oder ohne Helm mit seinem motorisierten Zweirad über die Strassen brettert. Gott nimmt uns nämlich unsere Verantwortung nicht ab. Sicherlich: Wir kommen mitunter an die Grenzen dessen, was für uns machbar ist. Prüfungen gehören da z.B. auch dazu – oder Vorstellungsgespräche. Sicherlich auch die Kindererziehung und manchmal auch der Straßenverkehr. An Grenzen kommt man auch wenn wir um die Liebe eines anderen Menschen werben oder an einem Sterbebett stehen. Da lähmt einen oft im entscheidenden Augenblick plötzlich die Angst oder man kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, fängt an zu stottern, bekommt patschnasse Hände oder merkt einfach: ich bin jetzt hier total überfordert. Und vieles von dem, was wir in diesen Bereichen erleben, lässt sich ja gar nicht vorhersehen oder vorbereiten.
Ich meine, jede und jeder von uns hat das schon einmal erlebt, dass einem da alles aus der Hand gleitet, man sich schutzlos und vor allem machtlos fühlt. In solchen Momenten rufen oft auch nicht so fromme Leute durchaus den Heiligen Geist oder auch ihren Schutzengel an. Es heißt: „Arbeite so, als ob alles von dir selbst abhängt und bete so, als ob alles von Gott abhängt.“ Auf irgendeine Weise wirkt Gottes Geist in dem, was Menschen tun, mit. Immer wieder erzählen mir Menschen, wie ihnen Hilfe zukam, wie ein plötzlicher Einfall sie gerettet hat oder dass sie trotz größter Angst plötzlich ganz ruhig wurden und sie auch innerlich sehr entspannt waren.
Klar ist es Blödsinn, die eigene Verantwortung wegzuwerfen und die Hände nur noch in den Schoß zu legen. Aber es ist auch das gute Recht eines gläubigen Menschen, sich in Momenten der Angst und der Überforderung vertrauensvoll in die Hand Gottes zu geben. „Komm Hl. Geist und erleuchte meinen Verstand“ – mit diesem Stoßgebet, das mich meine Großmutter gelehrt hat bin ich übrigens damals in die Prüfung gegangen. Natürlich nicht, ohne vorher auch was gelernt zu haben. Es hat geklappt und so sag ich Ihnen heute: Wir müssen unseren Teil tun, dann Mut fassen und locker werden – und in dieser Einstellung Landefläche für den Hl. Geist sein. Dann kann alles klappen.


Mittwoch, 30.04.08:
Warum verstehen wir einander oft so schlecht? Warum gibt es Konflikte, auch wenn keiner dem anderen eigentlich etwas Böses will? Warum sprechen wir überhaupt verschiedene Sprachen? Diese Fragen, liebe Hörerinnen und Hörer, sind nicht nur uralt, sondern teilweise auch sehr leidvoll. Und natürlich gibt es auch alte Geschichten dazu, die versuchen, genau diese Fragen zu klären oder eine Antwort auf sie zu geben. Die Geschichte vom Turmbau zu Babel z. B. erzählt, dass vor Urzeiten alle Menschen dieselbe Sprache gesprochen hätten. Gemeinsam sind wir stark, dachten sie, und fingen deshalb an, ein gigantisches Bauwerk zu errichten, einen Turm bis hinauf zum Himmel. Aber, so erzählt es uns dann die Geschichte, Gott lässt nicht zu, dass die Menschen sich des Himmels bemächtigen. Also verwirrt er ihre Sprache und zerstreut sie in alle Richtungen und Gegenden dieser Erde. Jetzt können sie nicht mehr weiterbauen an ihrem Mammutprojekt, an ihrem Turm bis hinauf in den Himmel.
Nun muss ich ehrlicherweise sagen: Ein Gott, der sich so seiner Haut wehrt, weil die Menschen ihm nahe kommen – ihm zu nahe kommen, der ist mit eigentlich fremd. Viel wichtiger ist für mich die Aussage: Am Anfang, als alles noch gut war, da haben sich die Menschen noch verstanden. Dass sie sich jetzt nicht mehr verstehen, das ist schlicht und einfach eine Katastrophe. Und genau darum geht es letztlich auch in dieser Babeler Turmbaugeschichte. Die Erlösungsgeschichte dazu übrigens, die erzählt uns das Pfingstfest. Jerusalem war wieder einmal voll von ausländischen Touristen und Pilgern und auch die Jünger Jesu hatten sich in der Stadt versammelt. Und dann – dann erzählt uns die Bibel, dass die Jünger Jesu mit Heiligem Geist erfüllt wurden und auf einmal damit begannen, in fremden Sprachen zu reden, und zwar so, wie der Geist Gottes es ihnen eingab. Ja, jede und jeder, der die Jünger hören wollte, der konnte sie auch in seiner Muttersprache verstehen.
Das erste also, was der Hl. Geist bewirkt, ist, dass die Menschen einander verstehen. Wenn Christen in diesen Tagen vor Pfingsten ganz besonders um den Hl. Geist beten, dann bitten sie damit auch darum, zu verstehenden Menschen zu werden. Leider geht das nicht so plötzlich, wie es uns da in der Bibel erzählt wird. Aber wir wissen ja, dass die biblischen Erzählungen oft nur in ganz kurzen und knappen Sätzen Entwicklungen aufzeigen, wofür man eigentlich genau genommen ein ganzes Leben braucht. Dementsprechend fährt der Hl. Geist nicht so einmal „mir nix dir nix“ in uns hinein und wir sind dann schlagartig verwandelte und erlöste Menschen. Nein, er begleitet unser ganzes Leben und Reifen und auch den Weg, den wir gehen müssen, um einander wirklich verstehen zu können.
Ein verstehender Mensch zu werden, das beginnt aber bereits mit der Sehnsucht, dass andere mich verstehen. Wenn man dann merkt: Ich kann andere nicht dazu zwingen, mich zu verstehen; ich kann nur versuchen, andere zu verstehen – wenn man das merkt, dann war der Hl. Geist wohl schon ganz gewaltig am Werk. Wer andere nämlich verstehen will, der lernt zuzuhören. Er fängt vor allem an, mehr Fragen zu stellen als Urteile abzugeben.
So gesehen find ich es mehr als gut, dass wir Christen in diesen Tagen um den Geist des Verstehens bitten und selber anfangen, andere zu verstehen. Ich bin davon überzeugt, das verändert die Welt.


Donnerstag, 01.05.08:
Einen wunderschönen Feiertagsmorgen, wünsch ich Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer!
Ja – heute ist Feiertag, auch wenn die meisten von uns da zunächst wohl an den Tag der Arbeit denken. Aber heute ist auch Himmelfahrt – das ist der eigentliche Festtag. Die Bibel erzählt ja davon, dass noch Wochen nach seinem Tod die Jüngerinnen und Jünger Jesu mit ihm so gelebt haben, als sei fast nichts gewesen. Und dann – eines Tages, als alle beieinander waren – da wurde er in den Himmel aufgenommen. Da war er auf einmal nicht mehr da und sein Freundeskreis war nun wirklich allein. Im Grunde ist das genau dieselbe Situation von uns Christen heute. Jesus ist nicht mehr da, zumindest kann man ihn nicht mehr sehen. Jetzt will ich heute Morgen aber nicht davon reden, wie das damals wohl war und wie man sich das wohl vorzustellen hat oder auch vorstellen kann. Ich meine, wer schon mal einen lieben Menschen verloren hat, der hat vielleicht schon Ähnliches erlebt.
Ich möchte heute Morgen vielmehr davon reden, dass Jesus kurz vor seinem Tod zu seinen Freundinnen und Freunden gesagt hat: „Es ist gut für euch, dass ich weggehe.“ Und er hat das zu ihnen gesagt, als sie ganz ängstlich waren und voller Sorgen und sicher auch enttäuscht von ihm. Wie kann er das tun, sie allein lassen? Sie brauchen ihn doch. Sie brauchten doch einen, der ihnen raten konnte, einen, auf den sie sich in allen Lebenslagen berufen konnten. Es war doch wichtig für sie, dass sie auf ihn zeigen konnten nach dem Motto: Da, schaut her, wir haben Jesus, der ist auf unserer Seite.
So ist das ja auch heute noch, nicht nur bei frommen Christen. Viele berufen sich heute auf Jesus. Er sei der erste neue Mann gewesen, ein Vorbild für alle Softies und vor allem ein Frauenversteher. Andere sagen, er sei ein Revolutionär gewesen, so etwas wie ein früherer Che Guevara. Wieder andere sagen: Er war ein totaler Pazifist, ein erster Umweltaktivist, ein Sozialarbeiter, der frühere Dalai Lama oder einfach nur ein Demonstrant für eine andere Zeit. Ja, manche proklamieren ihn als den Kämpfer für eine Multi-Kulti-Gesellschaft. Merken Sie was? Man kann sehr wohl all das, was man selbst für richtig findet und was man selbst gern wäre, auf Jesus übertragen. Und sicherlich ist auch nach menschlichem Ermessen an allem etwas Richtiges dran.
Aber: Wer nur seine Nähe sucht, wer nur das sieht, wo er Jesus dann auf seiner Seite hat, der wird eben auch ganz schnell blind für das, was ihm oder ihn an der Botschaft und am Lebensstil Jesu nicht so behagt oder zusagt. Der wird leicht blind für das, was einen selbst mal wieder kritisch in Frage stellt. „Du sollst nicht ehebrechen“ – dieses Gebot hat Jesus sogar noch verstärkt und ausgeweitet. Natürlich hört man das heute nicht so gern und vielen gilt es als die verstaubte Moral von vorvorgestern. „Oder liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ - Ja um Gottes Willen, den anderen genauso wahrnehmen wie mich selbst? Ihm dieselben Rechte und Gefühle zuzugestehen wie mir auch? Oder nehmen wir: „Gib alles, was du hast, den Armen“ – um Himmels willen: Solche Sätze werden von uns gerne so lange erklärt und erläutert, bis sie eben nicht mehr so kritisch klingen und wir uns nicht so getroffen fühlen müssen.
„Es ist gut für euch, dass ich weggehe!“ – so hat Jesus gesagt. Seither haben wir dieses Buch, das wir auch die Bibel nennen. Da steht beides drin: Das, was mir gut tut – und auch das, was mich kritisiert und was mir manchmal weh tut. Wie hat Jesus auch gesagt: „Der Geist Gottes wird euch die Augen aufmachen“. Und weshalb? Damit wir beides sehen: Was uns in Frage stellt – und was uns gut tut.
In diesem Sinne, Ihnen allen keinen allzu arbeitsreichen Feiertag!


Freitag, 02.05.08:
In den Tagen zwischen Christi Himmelfahrt und Pfingsten, liebe Hörerinnen und Hörer, da bitten Christen um den Heiligen Geist. „Komm!“, heißt es da in vielen Gebeten. „Komm, Heil’ger Geist, der Leben schafft, erfülle uns mit deiner Kraft“, so heißt es z.B. im sogenannten Pfingsthymnus – und in einem anderen Gebet ist nachzulesen: „Komm herab, o Heil’ger Geist, der die finstre Nacht zerreißt, strahle Licht in diese Welt.“ Das alles hört sich so an, als laden wir den Heiligen Geist ein wie einen Gast, der uns besucht und als Gastgeschenkt eben all das mitbringt, wonach wir uns sehnen: Leben, Kraft, Orientierung und Trost.
In der Bibel erzählt uns die Pfingstgeschichte tatsächlich, dass der Heilige Geist vom Himmel zu den Jüngern kam. Allerdings kommt er da nicht wie ein höflicher Gast, sondern sein Kommen wird eher wie ein Unwetter beschrieben: Ein Brausen ist da zu hören wie bei einem heftigen Sturm und Zungen wie von Feuer sind da zu sehen. Dann werden alle mit dem Heiligen Geist erfüllt. Die Bibel erzählt also, wie der Geist Gottes von außen in die Jünger hineingefahren ist. Und in Erinnerung an eben diese Geschichte beten wir auch heutzutage: „Komm, Komm herab Heiliger Geist“.
Es gibt im Christentum aber auch noch eine andere Vorstellung. Nämlich die, dass Gottes Geist uns nicht wie einen Gast besucht, wenn wir ihn einladen, sondern Gott selbst ist es der kommt und der in jedem Menschen wohnen will. Und so fragt auch der Apostel Paulus in einem seiner Briefe seine aufmerksamen Zuhörerinnen und Zuhörer: „Wisst ihr nicht, dass ihr der Tempel Gottes seid und dass der Heilige Geist in euch wohnt?“ Also: Gott wohnt nicht nur in dem, was wir als Himmel bezeichnen; Gott wohnt auch nicht nur in seinen Kirchen – nein: Sie und ich – wir selbst sind quasi ein heiliger Ort. Ja, Sie haben schon richtig gehört. Genau genommen brauch ich den Geist Gottes eigentlich gar nicht erst herbeizurufen, denn in jedem Augenblick lebt er in mir. Bin ich selbst der Ort, an dem Gottes guter Geist zugegen ist.
Für mich ist genau dieser Gedanke einer der größten Schätze, die mir mein Glaube zu bieten hat: Gott, von dem ich glaube, dass er die unergründliche Liebe schlechthin ist und dass er unnahbar groß ist – er ist mir aber trotz all dem nicht fern. Er wohnt in mir, ist mir wahrscheinlich näher als ich es mir oft selbst bin. Und wie kann man das spüren? Indem ich mir selbst eben nahe komme. Ich muss lernen, da zu sein. Ich kann dies spüren, indem ich eben nicht all meine Energie nach außen richte, sondern aufmerksam werde auf das, was sich in mir bewegt. Z.B. den Atem, der mich bewegt; das Blut, das in mir pulsiert; die Gefühle, die sich in mir regen – egal, ob sie nun eher schön und angenehm oder vielleicht nur belastend sind.
Wer Sehnsucht hat nach Gottes Geist, nach geistlicher Erfahrung, der braucht nicht auf spektakuläre Ereignisse zu warten. Der Geist ist schon in uns, tröstend und lebendig. Wir brauchen ihn nur wahrzunehmen.


Samstag, 03.05.08:
„Hast du mich noch lieb?“ – das, liebe Hörerinnen und Hörer, fragen Kinder manchmal ganz ängstlich, wenn sie geschimpft worden sind. Geliebt werden – das brauchen sie nämlich ganz dringend. Deshalb strengen sich Kinder auch nach einem Zoff ganz besonders an, um ihre Eltern wieder milde zu stimmen. Nur: Liebe darf doch niemals davon abhängig gemacht werden, ob nun jemand brav ist, nicht streitet oder großartige Leistungen vollbringt. Liebe muss und soll frei sein. Sie ist keine Art der Belohnung – im Gegenteil: Sie ist ein Geschenk. Sie soll immer zuerst da sein. Und gerade dann, wenn etwas nicht so toll geklappt hat, ja, wenn sogar etwas schiefgegangen ist, dann ist die Liebe ganz besonders wichtig.
Leider haben auch die Kirchen ihre Gläubigen jahrhundertelang sehr geängstigt. Da wurde gepredigt: Gott sei streng und er bestrafe alle Fehler. Deshalb müssten sich die Gläubigen auch sehr anstrengen, müssten sie große Opfer bringen, verzichten und sich eben Mühe geben. Nur dann würde Gott sie ansehen, würde er sie beschützen und an ihrer Seite sein. Ganz so, als sei die Liebe Gottes eine Belohnung.
Wie anders ist doch das, was ich da im Johannes-Evangelium lese: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten“, sagt Jesus zu seinen Jüngern. Da ist eben nicht die Rede von brav sein und Ärger runterschlucken, um geliebt zu werden. Nein – „wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“ Die Liebe steht an erster Stelle. Mit ihr fängt alles an. Wer Jesus liebt, der wird immer wieder von sich aus Wege suchen, um Gott zu ehren, die Nächsten zu lieben und Frieden zu stiften. Nicht weil er oder sie das tun muss, eben nicht – sondern aus Liebe.
Unter uns Menschen ist das kein Haar anders. Wenn Menschen sich lieben, dann wollen sie einander stützen und unterstützen. Sie versuchen, sich zu achten und zu ehren, sich nicht im Wege zu stehen, sondern zu helfen. Das gilt für Eltern und Kinder, für Liebespartner und Freunde. Krankhafte Eifersucht, Kontrolle, Einengen und mit Argus-Augen beobachten – das ist keine Liebe, weiß Gott nicht. Denn wenn Menschen sich lieben, dann wollen sie ja keinesfalls, dass der andere leidet und sie wollen sich vor allem nicht wehtun. Hohe Ziele – gewiss. Das alltägliche Miteinander erweist sich oft als viel schwieriger. Aber gerade weil ich von anderen Menschen geliebt werde, kann ich es immer wieder neu versuchen. Und weil Gott mich liebt.
Jesus ermuntert uns, ihn zu lieben. Damit soll alles anfangen, was wir tun. Die Liebe steht immer an erster Stelle. So ist es bei Gott – und deshalb kann es so auch bei uns Menschen sein.


Sonntag, 04.05.08:
Einen wunderschönen Sonntagmorgen, liebe Hörerinnen und Hörer!
Eines Tages wird er sie verlassen. Das hat er immer wieder zu ihnen gesagt. Nur – der Freundeskreis Jesu kann mit dieser Aussage von ihm nichts anfangen. Deshalb bereitet Jesus seinen Freundeskreis Schritt für Schritt vor, wie das Johannes-Evangelium berichtet. Und trotzdem tun sich die Jüngerinnen und Jünger schwer damit. Sie können es sich einfach nicht vorstellen, ohne ihn zu sein. Er kann sie doch jetzt nicht allein lassen. Sie brauchen ihn doch; ohne ihn fühlen sie sich allein, ohnmächtig und einsam. So viele Jahre hat er ihnen Gott gezeigt, ihnen den Himmel erklärt und ausgemalt. Er hat ihnen Aufgaben gegeben und ihnen gezeigt, wie sie mit Menschen umgehen sollen. Und jetzt sagt er ihnen fast schon lapidar, dass sie das alles bald ohne ihn machen müssen.
Aber das geht doch nicht! Das schmerzt viel zu sehr, dieses Loslassen müssen. Und vor allem: Wie sollen sie denn das alles ohne ihn schaffen? Jesus tröstet sie und sagt ihnen: „Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll!“ Und: „Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen.“
Nicht als Waisen, das stell ich mir so vor: weiterhin geschützt, an der Hand genommen zu sein, getröstet und versorgt. Ein schöner Gedanke: Jesus wird seine Jüngerinnen und Jünger auf eine besondere Weise begleiten – anders zwar als bisher, also nicht mehr körperlich und auch nicht mehr so anschaulich, wie sie das bislang gewohnt waren, aber eben weiterhin begleitend. Sicherlich – sie können ihn dann nicht mehr so fragen, wie das bislang üblich war, z.B. was sie in bestimmten Situationen tun, wie sie sich verhalten sollen. Und deshalb werden sie ihn auch schmerzlich vermissen. Aber sie werden seinen Geist spüren, die Kraft, die von ihm ausgeht. Sie werden ihn im Herzen tragen und ihn so immer bei sich haben.
Bis heute wirkt so der Geist Gottes. Auch heute tragen ihn viele Menschen in sich. Und für so manche ist dieser Geist Gottes ein stürmischer Antrieb. Er treibt sie dazu, sich um andere zu kümmern, aktiv zu sein, im wahrsten Sinne des Wortes „Berge zu versetzen“. Für andere ist der Geist Gottes eher stiller. Er tröstet sie, hilft ihnen, ihr Leben geduldig weiterzuführen, leise und tapfer, trotz vieler Probleme. Der Geist Gottes hat viele Gesichter. Jeder und jedem zeigt er sich anders. Eben so wie es gerade nötig ist. Als Beistand, der für immer da ist. Damit niemand verlassen zurückbleibt. Daran glauben wir Christen und deshalb gehen wir froh auf das Pfingstfest zu.
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