Predigt zum Hochfest Christi Himmelfahrt
Predigt zum Fest Christi Himmelfahrt 2008 (01.05.)L I: Eph 1, 17-23 / Ev.: Mt 28, 16-20
Schwestern und Brüder!
Ein Blick in die Nachrichten macht es deutlich: Der Mensch ist zu allem fähig! Ob nun das Inzestdrama in Österreich, die 3000 eingesperrten portugiesischen Arbeiter im Norden Spaniens oder all der Hass und die Gewalt weltweit einerseits – andererseits aber auch das persönliche Erleben von Glück und Erfolg, von Liebe und Verständnis. Ja, der Mensch ist wirklich zu allem fähig; zum Gelingen genauso wie zum Scheitern.
Der Mensch ist zu allem fähig – ist das nicht aber auch die Grundaussage des heutigen Festtages? Vielleicht ist das unter den jetzt genannten Stichworten nicht sofort erkennbar. Aber wenn wir drei wesentliche Wörter dazu nehmen, dann müsste es eigentlich passen – die Wörter: sogar zur Ewigkeit. Der Mensch ist zu allem fähig, sogar zur Ewigkeit. Das feiern wir am heutigen Himmelfahrtstag und deshalb haben wir auch allen Grund Gott zu danken und ihn zu preisen.
Jede und jeder von uns weiß doch: Ob mir nun das Leben leicht fällt oder ob ich es mir schwer mache – es hängt alles ganz entscheidend davon ab, wie ich über mich selbst denke und welches Selbstwertgefühl ich diesbezüglich habe. Das Wort sagt es ja eigentlich schon: Selbstwertgefühl – wie viel bin ich mir selber wert? Sehe ich mich nur als ein kleines Rädchen im großen Getriebe dieser Welt? Als eine kleine, unscheinbare und graue Maus? Oder weiß ich eben um meinen Wert und um meine Würde? Ganz am Anfang der Schöpfungsgeschichte hat Gott über uns Menschen gesagt: „Lasst uns den Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich!“ Und genau das hat er zu ihnen und mir auch gesagt, als wir von unseren Eltern gezeugt wurden: Du bist mein Abbild, mir ähnlich!
Nun sagen ja manche, dass man so etwas nicht unbedingt sagen dürfte bzw. dass das doch sehr nach Egoismus und Eigenlob riechen würde. Vorsicht also nach dem Motto: Der kleine Mensch schwingt sich in die Sphären Gottes auf. Aber so ist das doch gar nicht gemeint. Wer das so versteht, der unterliegt wahrhaft einem Missverständnis – denn: Ich bin doch nicht groß und wertvoll, weil ich mich groß und wertvoll mache, sondern ich bin groß und wertvoll, weil Gott mich groß und wertvoll gemacht hat. Das ist ein Unterschied – ja ein himmelweiter Unterschied. Das ist letztlich sogar der grosse Unterschied zum Machbarkeitswahn unserer Tage, in dem der Mensch in der Forschung anfängt so zu tun, als sei er selbst der Schöpfer über Leben und Tod und dabei den wahren Gott außen vorlässt und ihm in seinen Überlegungen und Denkvorgängen keinen Platz mehr einräumt.
Nehmen wir doch einfach mal das Stichwort Genforschung: Befruchtete Eizellen sind kein Forschungsmaterial, das man gebraucht und nach dem Gebrauch einfach nur wegschmeißt wie ein vollgekritzeltes Blatt Papier. Ich kann doch nicht Embryonen-Stammzellen einzig und allein zu dem Zweck herstellen, um an ihnen zu forschen und sie dann anschließend zu vernichten. Und das gleiche gilt natürlich auch für die Embryonen-Stammzellen, die bereits vorhanden sind. Ok - ich höre ihn schon den Einwand, der immer wieder zu hören ist: Es gehe bei all dem ja nur darum, Krankheiten besser zu bekämpfen oder sie vielleicht sogar erst gar nicht aufkommen zu lassen. So edel das auch klingen mag; aber ich kann doch die Würde des einen, des kranken Menschen nicht höher stellen als die Würde des anderen, des ungeborenen Menschen, selbst in seinem frühesten Stadium. Jeder Mensch ist Gottes Abbild, jeder Mensch hat seine unverwechselbar und unvergleichliche Würde – der kranke und sterbende Mensch genauso, wie der, der noch gar nicht geboren ist.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt schon länger, was denn all diese Überlegungen mit dem heutigen Fest der Himmelfahrt Jesu zu tun haben? Aber ich denke, wir sind bereits mitten drin. Denn: Der Mensch ist zu allem fähig – sogar zur Ewigkeit. Christi Himmelfahrt ist für mich das Fest der Würde des Menschen. Weil Jesus Christus jetzt für immer seinen Platz im Himmel, also bei Gott hat, deswegen haben auch wir unseren endgültigen Platz im Himmel, also bei Gott. Jesus Christus nimmt uns Menschen quasi mit zu Gott. Also stimmt es: Wir sind zu allem fähig, sogar zur Ewigkeit. Das ist unsere Würde – oder banaler gesagt: Das ist unser Selbstbewusstsein. Wir sind bei Gott zu Hause und Gott ist in uns Menschen zu Hause! Diese Würde kann uns niemand mehr nehmen: Keine Krankheit, kein Scheitern, kein sozialer Abstieg – nichts! Und vor allem: Selbst wenn uns in unserem Machbarkeits-wahn manchmal „der Teufel reitet“, dann muss uns immer wieder in Erinnerung gerufen werden, dass uns diese Würde auch niemand nehmen darf – auch kein Forschungsinteresse und mag es noch so edel grundgestimmt sein oder daherkommen.
Wir Menschen sind zu allem fähig – sogar zur Ewigkeit. Das gilt es immer wieder neu zu begreifen. Und Paulus versucht uns das auch in seinem Brief an die Epheser deutlich zu machen: „Er – Gott – erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn – durch Christus – berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke.“
Gott hat uns fähig gemacht zur Ewigkeit, und genau das feiern wir heute. Und das ist aber zugleich auch die Richtschnur für alles, wozu wir Menschen fähig sind. Ich möchte es noch einmal anhand der Fragen und Probleme konkretisieren, die uns in der nächsten Zeit beschäftigen werden: Weil jeder Mensch eine Würde hat und zur Ewigkeit bestimmt ist, darf nicht im Namen der Würde des einen Menschen die Würde des anderen missachtet werden. Das gilt in der Gentechnik und anderen Bereichen der Forschung, das gilt aber genauso von meinem Reden über Straftäter oder über Menschen, die aus irgendwelchen Gründen sozial abgerutscht sind oder mit ihrer eigenen Würde Schindluder treiben.
Weil jeder Mensch eine Würde hat und in dieser Würde zur Ewigkeit bestimmt ist, dürfen wir Christen uns in der Achtung der Menschenwürde von niemandem anderen übertreffen lassen. „Die Würde des Menschen ist un-antastbar“, so steht es im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland und in ähnlicher Form in vielen Staaten Europas und dieser Erde. Dieser Satz könnte so aber auch in der Bibel stehen. Und diese Würde muss in uns immer wieder die Fragen aufwerfen: Wie sehe ich mich und wie sehe ich die anderen? Wie sehe ich den Menschen, der mir manchmal so zu schaffen macht und den ich so gern in meiner Nähe habe, wie irgendwelche Bauchschmerzen? Sehe ich in den Menschen, mit denen ich mir mehr als schwer tue eben auch das Abbild Gottes? Menschen, mit derselben Würde von Gott ausgestattet wie ich? Sehe ich auch in den Menschen, die mir mein Leben manchmal mehr als schwer machen, Menschen, die zur Ewigkeit fähig und berufen sind?
Wir haben vorhin im Tagesgebet gebetet: „Liebender Gott ... in der Himmelfahrt deines Sohnes hast du den Menschen erhöht. Schenke uns das feste Vertrauen, dass auch wir zu dieser Herrlichkeit gerufen sind...“ Genau das aber ist es doch: Wir sind nicht zu überbieten! Gott hat uns eine Würde geschenkt, die uns zu allem fähig macht – sogar zur Ewigkeit! Amen!
Fürbitten:
Gott, unser Vater, du hast Jesus von den Toten auferweckt und uns damit den Himmel neu erschlossen. Wir bitten dich:
- Für alle, die deren Sehnsüchte am Irdischen hängen bleiben: Schenke ihnen Zeichen, die über diese Welt hinausweisen. Gott, uns Vater und Mutter.
- Für alle, die sich ängstlich in ihre kleine Welt verschließen: Öffne ihnen die Augen für einen Blick über das Gewohnte hinweg. Gott, uns Vater und Mutter.
- Für alle, die sich über die Würde des einzelnen Menschen erheben oder die sie mit Füßen treten: Lass sie erkennen, dass erst diese Gott geschenkte Würde uns zur Ewigkeit fähig macht. Gott, uns Vater und Mutter.
- Für alle, die sich ihrer Würde nicht bewusst sind: Schenke ihnen Menschen an die Seite, die sie diese Würde neu spüren lassen. Gott, uns Vater und Mutter.
- Für alle, die von unserer Kirche enttäuscht sind: Lass sie auf Menschen treffen, die ihnen eine neue Sichtweise eröffnen. Gott, uns Vater und Mutter.
Gott, uns Vater und Mutter, wir preisen dich, weil wir dein Abbild sind und weil du uns dazu berufen hast mit dir in der Ewigkeit zu leben. Sei uns nahe – heute und am Ende unserer irdischen Zeit. Darum bitten wir, durch Christus, deinen Sohn, unseren Bruder und Herrn. Amen.









