Predigt zum 7. Sonntag der Osterzeit 2008
Predigt zum 7. Sonntag der Osterzeit 2008 (04.05.)L I: Apg 1, 12-14 / Ev.: Joh 17, 1-11a
Schwestern und Brüder!
Der dänische Philosoph, Theologe und Schriftsteller Sören Kierkegaard steht für die feste Überzeugung, dass der Mensch von Gott dazu berufen und auch aufgefordert ist, sein Leben nicht nur selbständig in die Hand zu nehmen, sondern auch Entscheidungen für sein Leben zu treffen. Und deshalb beschreibt er bereits vor knapp 175 Jahren in einem Bild sehr kritisch, wie er die Christen und ihre Sonntagsgottesdienste diesbezüglich empfindet:
„Sie sind wie Gänse, die auf einem Hof leben. Sie haben zwar Flügel, aber sie fliegen nicht. Schnatternd laufen sie am Boden herum und treffen sich an jedem siebten Tag. Dann schnattert ein Gänserich seine Predigt und spricht über die hohe Berufung, dass Gänse doch Flügel haben und fliegen können. Er spricht davon, wie die Vorfahren es wagten zu fliegen; er preist die Barmherzigkeit Gottes und die Gänse sind tief gerührt, senken ergriffen die Köpfe und loben die Schnatterei des Gänserichs. Dann watscheln sie wieder auseinander. Was sie jedoch nicht tun ist: fliegen. Warum auch, das Korn am Boden ist ja gut und der Hof sicher.“ Soweit Kierkegaard.
Den Vorwurf, den er uns Christen mit diesem Bild macht, lautet: Wir reden zwar in unseren Gottesdiensten sehr wohl über die frohe Botschaft Jesu; wir preisen Gott auch dafür, dass er uns Menschen liebt und wir reden von Nächstenliebe und einer besseren, menschlicheren Welt. Nur: In unserem Leben, in unserem alltäglichen Verhalten da zeigt sich doch recht wenig von diesem Glauben; ändert sich durch uns Christen in dieser Welt und auch in unserem persönlichen Umfeld eben viel zu wenig. Kierkegaard weist mit dieser Geschichte daraufhin, dass so aber unser Glaube und unser Gottesdienst schlussendlich so wenig fruchtbar werden, wie die im Bild erwähnten Flügel für die Gänse.
Nun ist ja der Vorwurf eines “Sonntagschristentums” für uns nichts Neues. Doch ich meine, wir sollten uns damit durchaus auch ernsthaft und kritisch auseinandersetzen und es nicht nur als billige Polemik abtun. Denn: Stimmt denn unser Christsein überhaupt, wenn daran nicht mehr Anstoß genommen wird? Wenn wir mit unserem Verhalten und unserer Überzeugung nirgendwo mehr anecken? Nicht dass wir uns falsch verstehen. Ich meine nicht, dass wir als Christen nun ständig mit andersdenkenden und andersgläubigen Menschen Streit und Auseinandersetzungen suchen sollten. Das nicht. Aber müsste nicht jemand, der heutzutage überzeugend als Christ in dieser Gesellschaft lebt - die ja nun nicht mehr unbedingt als christlich geprägt bezeichnet werden kann – müsste so jemand nicht auf viel mehr Gegenwehr stoßen?
Vielleicht kann es uns ja gut tun, wenn wir einen Blick auf die Jüngerinnen und Jünger Jesu richten, wie es ihnen damals ergangen ist. Da hat es ja, so wie die Lesung berichtet, zunächst einmal den Anschein, als würde dieser Vorwurf von heute auch auf sie zutreffen. Anstatt mutig unter die Leute zu gehen und die Botschaft Jesu zu verkündigen, bleiben sie im “Obergemach” eines Hauses in Jerusalem, also zurückgezogen von allem sonstigen Leben der Stadt, um dort gemeinsam zu beten. Das erweckt nun nicht gerade den Eindruck, als hätten sie es gewagt, die Flügel zu benutzen und so zu fliegen, wie Jesus es ihnen vorgelebt hat. Allerdings zeigt ein Blick auf ihr weiteres Leben das genau das aber der Fall war: Ohne Furcht vor Verfolgung und Bestrafung bekennen sie nur wenig später überaus mutig ihren Glauben. Gegen alle Widerstände verkünden sie die Botschaft Jesu, dass Gott jeden Menschen liebt und er jede und jedem einen Neuanfang ermöglichen will. Ja, sie verkünden die Botschaft von einem anderen, einem menschlicheren Umgang miteinander – schlicht die Botschaft von dem, was Reich Gottes ist und für jede und jeden auch sein will. Von dieser Botschaft waren sie so fasziniert, dass sie gar nicht anders konnten, als sie an andere weiterzugeben, sie anderen mitzuteilen und sie zu leben. So aber sind sie letztlich tatsächlich geflogen, obwohl das Leben am Boden mit Sicherheit für sie einfacher und bequemer gewesen wäre; ob allerdings erfüllter, das wag ich nun doch zu bezweifeln!
Wenn diese Menschen - die in unserer Lesung sogar namentlich aufgezählt wurden - damals nicht geflogen wären, dann wüssten wir heute wahrschein-lich nichts oder doch nur wenig von dieser befreienden Botschaft Jesu. Was aber hat sie denn nun dazu bewogen, all die Schwierigkeiten zu ertragen und sogar ihr Leben zu riskieren? Woher hatten sie die Kraft und den Mut? Woher wussten sie, welcher Weg der richtige war?
Ich glaube, diese Zeit des Zurückgezogenseins, des gemeinsamen Gebetes, hat hierbei eine ganz große Rolle gespielt. Hier haben die Frauen und Männer erkannt, was für sie jetzt zu tun ist, was richtig und was wichtig ist. Und: Sie wurden in ihrer Gemeinschaft, in ihrem Gebet von Gott be”geist”ert. Zwar kann ich mir nun nicht vorstellen, dass wenn es hier im Text heißt: “Sie verharrten einmütig im Gebet”, damit nun die Situation gemeint sei, dass urplötzlich alle Schwierigkeiten und Spannungen zwischen den einzelnen Personen verschwunden gewesen waren. Im Gegenteil – so wie ich die Apostel aus den Beschreibungen kenne, haben sie wahrscheinlich gerade in diesen Tagen des sichtbaren Abschieds von Jesus auch hart miteinander um die richtige Vorgehensweise gerungen. Aber trotzdem erlebten sie eine Gemeinschaft, eine Form der Einmütigkeit, die ihnen nicht zuletzt durch das gemeinsame Gebet Kraft und Halt, Zuversicht und Vertrauen gab. So gesehen war es aber mehr als hilfreich, dass die Freundinnen und Freunde Jesu sich nicht sofort in die Tätigkeit des Missionierens stürzten, sondern sich zuerst eine Zeit der Stille, eine Zeit vor Gott miteinander gönnten – um auch die Gewissheit zu spüren, dass sie eben nicht allein auf dem Weg sind.
Und wie ist das nun bei uns? Die Zeit heute ist sicherlich eine andere - aber der Auftrag, in unserem Leben die Botschaft Jesu zu bekunden, ist derselbe. Das kann z.B. dadurch geschehen, dass ich eben nicht wegsehe, wenn jemand ungerecht behandelt oder zu Unrecht verdächtigt wird. Das soll in meinem Verhalten gegenüber all den Menschen geschehen, denen ich Tag für Tag begegne: gegenüber den Familienangehörigen, den Kolleginnen und Kollegen, den Menschen vor mir in der Warteschlange, z.B. beim Buffet im Hotel usw. Jesu Botschaft zu bekunden bedeutet aber auch, dass ich mich für die Menschen einsetze, die schwach sind und zu kurz zu kommen drohen. Das kann und muss natürlich zuerst in meinem ganz persönlichen Umfeld passieren, aber eben auch in meinem gesellschaftlichen und politischen Engagement für die Menschen in unseren Heimatländern, sowie im Blick auf all jene Nationen dieser Welt, die Gefahr laufen, im Zuge der Globalisierung noch mehr ins Hintertreffen zu kommen. Denn eines ist uns doch bewusst: Diese unsere Welt zeigt jeden Tag aufs Neue, dass sie mehr Menschlichkeit und Nächstenliebe bitter nötig hat. Sie hat die christliche Botschaft nötig und sie hat Christen nötig, die mutig die Flügel ausspannen und endlich mit dem Fliegen beginnen.
Natürlich ist klar, dass das nicht immer ein einfacher und schon gar kein bequemer Weg ist. Oft wird es nötig sein, gegen den Strom zu schwimmen, sich angreifbar zu machen oder auch mal den Kürzeren zu ziehen. Das ist sicherlich eine Überforderung, wenn wir uns nicht immer wieder Zeiten der Stille, des persönlichen Gebetes und auch des gemeinsamen Gottesdienstes gönnen. Nicht weil es dazu gehört oder weil ein Sonntagsgebot uns dies auferlegt - das würde nur Gänseschnatterei bedeuten - sondern weil Gebet und Gottesdienst unser Leben bereichern und uns für unser Christsein im Alltag stärken. Dabei heißt für mich Beten nicht, nur irgendwann mal auswendig gelernte Gebete aufzusagen, sondern mein Leben, meine Erlebnisse, Freuden, Sorgen oder Probleme vor Gott zu bringen und sie vor ihm zu bedenken. Es tut gut, vor Gott einfach mal eine Zeit still zu sein. Denn dann kann ich ihm all das mitteilen, was mir am Herzen liegt und so kann ich auch am ehesten spüren, wie er mir Kraft und Mut schenkt. Amen.
Fürbitten:
Im Gebet hast du den Jüngerinnen und Jüngern deines Sohnes Kraft, Mut und Zuversicht geschenkt. So bitten auch wir dich heute:
- Schenke auch uns den Mut und die Kraft, deine Botschaft in unserem Arbeits- und Urlaubsalltag zu bekunden. Gott, unser Vater.
- Lass die Armen und Notleidenden in unserem Umfeld und weltweit unsere geschwisterliche Hilfe spüren und erfahren. Gott, unser Vater.
- Öffne unsere Herzen täglich neu für die Probleme und Sorgen unserer Mitmenschen. Gott, unser Vater.
- Stelle den Einsamen, den Kranken und Verlassenen hilfreiche Menschen zur Seite, die sich ihrer annehmen und so etwas von deiner Liebe und Zuwendung sichtbar machen. Gott, unser Vater.
- Zeige den Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft Wege, um Hunger, Krieg, Gewalt und Unmenschlichkeit zu beenden. Gott, unser Vater.
- Schenke der Kirche deinen Heiligen Geist, damit sie nicht nur um selbstgemachte Probleme kreist, sondern fähig ist, deine Botschaft ins Heute zu sagen und ein Anwältin für die Menschen zu sein. Gott, unser Vater.
Guter Gott, du hast uns zur Gemeinschaft mit dir und untereinander berufen. Lass uns unseren Teil dazu beitragen, dass die Welt heller und menschlicher wird. Darum bitten wir dich, durch Christus, unseren Bruder und Herrn. Amen.









